bitte, lass mich endlich aufwachen

hier hängen sie plakate vor flüchtlingsunterkünften, auf denen geschrieben steht: wir hängen nicht nur plakate! hier sind selbst die voller hass und argwohn, die doch alles haben und sich christen nennen. hier höre ich nur worte und taktierende, politische Korrektheit.

politische korrektheit hat anders auszusehen, wenn vor den mauern unseres sogenannten “christlichen” abendlandes die menschen erfrieren, ertrinken und verhungern, die sich einfach nur nach frieden für ihre kinder sehnen. wie können wir uns christen nennen, wenn selbst die kirche nicht hinter ihren werten steht? wie können sich jene christen nennen, die ohne jeglichen glauben aufgewachsen sind? politische korrektheit müsste sich jetzt in taten und nicht in worten ausdrücken.

gleich einem albtraum sehe ich zu, wie alles geschieht, ohne zu wissen, wie ich eingreifen könnte. es scheint, als hätte der hass in den köpfen der menschen nur dornröschenhaft geschlummert. war die kurze phase der demokratisierung und freiheitsliebenden republik nur ein traum? eine illusion?

gleich einem albtraum kann ich nicht vor und nicht zurück, hilflosigkeit breitet sich aus und lähmt mich.

bitte, lass mich endlich aufwachen.

(Halle, 29.02.2016, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)

Clown und Grau

Ich sitze im Café Riquet in Leipzig. Von meinem Fensterplatz im ersten Stock kann ich gut die vorbeihastenden Menschen unten auf der Straße beobachten. Heute hasten sie ein wenig langsamer, es ist Sonntag und, für Leipzigs Innenstadt, wenig los draußen. Eine Gruppe von ungefähr acht Menschen bleibt genau so stehen, dass ich sie gut betrachten kann. Sehen sie mich auch oder doch nur die Elefanten an der Hauswand? Touristen, vermute ich, denn wie einstudiert wenden sie ihre Köpfe und Augen synchron zu jenen Häuserecken hin, auf die der Finger des jungen Mannes vor ihnen gerade zeigt. Eine grau-schwarz-blaue Melange, die sich dem Gewand der Häuser angepasst hat.

Plötzlich tritt aus dem Innenhof hinter der Gruppe ein Clown: weiss bemaltes Gesicht, rote Nase, bunt gestreifte Hosen und ein ebenso farbiges Oberteil. Er schiebt eine Schubkarre vor sich her, in der er Luftballonfiguren, Bälle und haufenweise andere bunte Gerätschaften transportiert, die ich von hier oben allerdings nicht im Detail benennen könnte. Was für ein wunderschöner Kontrast!

Der Clown geht langsam an der kleinen Menschenansammlung vorbei, sie neugierig betrachtend, als wären sie das verwunderlichste in diesem Augenblick. Irgendetwas sagt er zu ihnen, was, kann ich natürlich nicht verstehen, doch erntet er nur ein, zwei Seitenblicke, keinerlei Beachtung, der Stadtführer ist schon bei der nächsten Geschichte. Gesichter nach oben, erstauntes Nicken.

Entstammt der Clown meiner Fantasie?

Ist er eine ganz normale Erscheinung inmitten des verrückten Alltags, der eigentlich gar keine Geschichte wert ist? Verschwende ich hier meine Bleistiftmine?

In diesem Moment bringt die Kellnerin meinen Tee und das Stück Bratapfeltorte, ich lächle dankend und will weiter über die Gruppe sinnieren – doch ist sie mit dem Clown wie vom Erdboden verschwunden. Sie hat sich in Nichts aufgelöst, als wär’ sie nie dagewesen. Sie ist nur noch ein Bild vor den Augen meiner Erinnerung.