Clown und Grau

Ich sitze im Café Riquet in Leipzig. Von meinem Fensterplatz im ersten Stock kann ich gut die vorbeihastenden Menschen unten auf der Straße beobachten. Heute hasten sie ein wenig langsamer, es ist Sonntag und, für Leipzigs Innenstadt, wenig los draußen. Eine Gruppe von ungefähr acht Menschen bleibt genau so stehen, dass ich sie gut betrachten kann. Sehen sie mich auch oder doch nur die Elefanten an der Hauswand? Touristen, vermute ich, denn wie einstudiert wenden sie ihre Köpfe und Augen synchron zu jenen Häuserecken hin, auf die der Finger des jungen Mannes vor ihnen gerade zeigt. Eine grau-schwarz-blaue Melange, die sich dem Gewand der Häuser angepasst hat.

Plötzlich tritt aus dem Innenhof hinter der Gruppe ein Clown: weiss bemaltes Gesicht, rote Nase, bunt gestreifte Hosen und ein ebenso farbiges Oberteil. Er schiebt eine Schubkarre vor sich her, in der er Luftballonfiguren, Bälle und haufenweise andere bunte Gerätschaften transportiert, die ich von hier oben allerdings nicht im Detail benennen könnte. Was für ein wunderschöner Kontrast!

Der Clown geht langsam an der kleinen Menschenansammlung vorbei, sie neugierig betrachtend, als wären sie das verwunderlichste in diesem Augenblick. Irgendetwas sagt er zu ihnen, was, kann ich natürlich nicht verstehen, doch erntet er nur ein, zwei Seitenblicke, keinerlei Beachtung, der Stadtführer ist schon bei der nächsten Geschichte. Gesichter nach oben, erstauntes Nicken.

Entstammt der Clown meiner Fantasie?

Ist er eine ganz normale Erscheinung inmitten des verrückten Alltags, der eigentlich gar keine Geschichte wert ist? Verschwende ich hier meine Bleistiftmine?

In diesem Moment bringt die Kellnerin meinen Tee und das Stück Bratapfeltorte, ich lächle dankend und will weiter über die Gruppe sinnieren – doch ist sie mit dem Clown wie vom Erdboden verschwunden. Sie hat sich in Nichts aufgelöst, als wär’ sie nie dagewesen. Sie ist nur noch ein Bild vor den Augen meiner Erinnerung.

erwachend

Die Stadt schlief noch. Wie eine leichte Sommerdecke lag der Dunst über ihr, nur die höchsten Gebäude ragten heraus und blickten von oben herab auf die watteartige Schicht aus Träumen.

Die Gestalten, die vor dem Morgengrauen schattengleich durch die Straßen huschten, waren einsame, gehetzte Figuren, irgendwelchen geheimnisvollen Geschäften nachgehend, für die der Dunstvorhang eine passende Kulisse war.

Tagsüber, vor allem für Gäste, hatte sich die Stadt herausgeputzt: Die Straßen, auf denen diese unterwegs waren, strahlten mit ihren frisch heruntergeputzten Häuserfassaden und den neuen Steinen ihres Pflasters. Touristen gingen ein- bis zweimal die Prachtstraße hinauf und hinunter, und stiegen dann am soeben fertiggestellten, futuristisch aussehenden Bahnhof in ihren Bus, der sie in nur wenigen Stunden in eine der anderen, touristenfreundlicheren Städte brachte. Gegen Abend, wenn die vor Neugier und Gleichgültigkeit erfüllten Blicke sie verlassen hatten, atmete die Stadt erleichtert auf. Niemand blieb freiwillig länger in ihr, außer vielleicht ein paar nostalgieerfüllte, ehemalige Erasmusstudenten, die hauptsächlich betrunken all die Orte abklapperten, an die sie sich noch erinnerten, um dann staunend festzustellen, dass alles noch so wie damals oder eben ganz verändert sei.

Sie atmete auf. Erleichtert konnte sie wieder sein wie sie nun mal war, etwas Putz bröselte von den Fassaden der schicken Häuser der Piotrkowska. Diese Straße war das schicke Kleid, das sie früher nur sonntags angezogen hatte, jetzt aber jeden Tag. Ein paar Nebenstraßen hatte sie noch als Reserve, ihre Lieblinge jedoch lagen etwas außerhalb. Es waren diese die viel getragenen, aber gemütlichen, diejenigen, die nach außen teils etwas schäbig aussahen, deren Innerstes ihr aber am meisten am Herzen lag. Das war sie, die sie so lange unterschätzt und ausgelacht worden war, für ihren funktionellen, mechanischen Charakter, für ihre Raucherlunge, ihre vielen Kamine, ihre fleißigen Bewohner, ihren Ehrgeiz. Auch für ihre Jugend war sie verlacht worden, und jahrelang hatte sie sich unter dem Gelächter verbogen, gebeugt, mit gesenktem Blick und Kopf.

Doch sie hatte gelernt, dass sie nichts dafür konnte, wie sie nun mal war, sie hatte gelernt, dass sie entweder dazu stehen oder untergehen musste. Also war sie aufgestanden, hatte ihre verrauchten und verrußten Kleider abgeschüttelt und ausgeklopft, etwas Gymnastik für den Rücken gemacht, eine gerade Haltung angenommen und den anderen Städten ab sofort tief und entschlossen in die Augen gesehen. Sie war mächtig und groß, schön und hässlich, mystisch und voller Tiefe. Die Geschichten, die sie in sich barg, begründeten ihre Seele, und nur wenige Menschen hatten diese bis heute gesehen – sehen dürfen. Menschen, die sie wirklich sahen, so wie und wer sie war.

Einer dieser Menschen war ich.