Nackt

Mein Kern allein ist unveränderlich.

Die Frage bleibt, ob wir uns auch aller unserer Identitäten entledigen können, für die ich einmal die Metapher der Klamotten benutzt habe.

Wir kleiden uns in unterschiedliche Kleidungsstücke, um uns zu schützen, zu wärmen, zu verstecken, dazuzugehören. Den meisten Menschen ist gar nicht mehr bewusst, dass sie tausende Schichten tragen, ihr Innerstes ist nicht mehr sicht- und spürbar.

Würden wir uns Schicht um Schicht entledigen, uns entblößen, wäre das wohl für die meisten Menschen (oder alle?) unerträglich, sich gar in ihrer baren Nacktheit zu sehen.

Manche der Kleidungsschichten liegen uns so starr an, sie sind mit uns verwachsen, dass wir uns ohne sie nicht mehr denken können, ja sogar unser Denken darüber ausrichten.

Würden wir uns alle ohne Klamotten denken, also sagen wir mal, wir stellten uns alle gegenseitig nackt vor, so sähen wir uns in unserer Zerbrechlichkeit, unserer wahren Natur. Würden sich die Menschen selbst dann noch gegenseitig verurteilen, ab- und aufwerten? Wenn wir das wahre Gesicht, die wahre Gestalt des anderen sähen, würden wir dann anders mit ihm umgehen? Wie würden wir uns verhalten bar jeglichen Schutzes?

Fakt ist, wir brauchen Kleidung, denn ohne sie wird uns kalt, und es ist in unserer Welt nun mal Konvention, mindestens ein Stück Stoff über unseren intimsten Körperzonen zu tragen. (Was ist mit FKK-Bereichen?)

Wir brauchen die anderen in Identitäten gehüllt, um auch uns besser einordnen, sich gegenüber anderen abgrenzen oder zugehörig fühlen zu können.

Vermeintlich hatte ich mich schon jeglicher Kleidung entledigt. Immer wieder aber entdecke ich ein Stück Stoff an mir, das bestimmte Stellen verdeckt, sie beschützt oder versteckt und mich vom Nacktsein abhält.

Nacktsein kann ich nur mit Dir. 
Du siehst mich ganz,
auch ganz verhüllt,
vor Dir trau‘ ich mich zu entkleiden,
ohne alles steh‘ ich da.

Du nimmst mich,
wie ich bin.

Allein Dir blick‘ ich in die Augen,
dem Zugang zum Wesen unter
all den Hüllen.

Zimmerservice

Er servierte mir seinen eigenen Kopf auf einem silbernen Rollwagen.

Gerade war ich dabei, mich in diesem seltsamen, mit dunklem Holz verkleideten Hotelzimmer einzurichten, als eine Tür aus dem Nichts aufschwang. Herein tanzten und räkelten sich nackte Frauen. Ihre Bewegungen verdeckten zunächst das, was sie in ihrer Mitte ins Zimmer schoben. Ich erschrak kurz, und doch war ich positiv überrascht ob der Mühe, die er sich gab.

Da lag auf einem Silbertablett auf einem silbernen Rollwagen, auf dem normalerweise in Hotels das Essen aufs Zimmer geliefert wird, der Kopf jenes Typen, den ich eine Stunde zuvor kennengelernt hatte.

Ich war mit meiner Familie unterwegs gewesen und meine Oma hatte Hunger gehabt. Das war gefährlich, denn wenn sie in Unterzucker kam, ging es ihr gar nicht gut. Es ging ihr sowieso nicht mehr gut. Im Traum davor hatte sie gerufen, sie sei eigentlich ganz froh, jetzt bald sterben zu dürfen.

Da stand ich also an einer Theke, es war eine Mischung aus Metzgerei und Bäckerei inmitten eines Volksfestes, und bestellte eine Breze, am besten mit Butter, wenn‘s geht. Der charmante – und ich muss zugeben, wirklich gutaussehende – Verkäufer gab mir eine große Scheibe Leberkäs dazu und reichte mir den Teller.

Geht aufs Haus! Sagte er und zwinkerte mir zu. Den Leuten neben mir schenkte er ihr Essen ebenfalls. Ich hätte daraus ja keine große Sache gemacht. Vielleicht hatte er die Not meiner Oma bemerkt, vielleicht war er einfach gut gelaunt, vielleicht gefiel ich ihm. Das Paar neben mir flüsterte: Da hat sie den Besitzer Altenburg gleich selbst erwischt, und wir haben auch was davon!

Das war also der Besitzer dieses Komplexes. Mitte 30, mit einem großen Selbstbewusstsein, was ich sehr anziehend finde, dunklen Locken und Dreitagebart. Er kam hinter der Theke hervor und ich dachte schon, er spricht mich gleich an. Doch er ging geradewegs zu meiner Familie, begrüßte meinen Vater und meinen Bruder mit Handschlag, machte eine leichte Verbeugung in Richtung meiner Mutter und meinen Großeltern. Natürlich kannten die sich, er war immerhin Besitzer einer Brauerei in der Gegend.

Er strahlte mich an. Ach, das ist eure Tochter? Wir kennen uns noch gar nicht! Thomas Altenburg mein Name, freut mich! Er reichte auch mir seine kräftige Hand, in seinem Blick eine Mischung aus Schalk und Begehren. Nein, das klingt zu billig. Es war vielmehr das Wissen, das uns etwas verband, dass uns hier und jetzt etwas zusammengeführt hatte. Klingt schon wieder zu klischeehaft, aber so war’s eben, was soll ich sagen. Wenn’s prickelt, dann prickelt’s. Ist es nicht schön, wenn es manchmal ganz kitschig wird? Wenn man seine eigene Hollywoodkomödie lebt?

Er verabschiedete sich, dringende Geschäfte.

Fragen Sie mich nicht wieso, aber ich musste daraufhin in das Hotel nebenan einchecken. Vielleicht war meine Familie weitergefahren, oder ich hatte hier zu tun. Die Beliebigkeit der Träume.

Ein wenig geschockt war ich schon, dass man mir ein Zimmer im Erdgeschoss zugeteilt hatte, in direkter Nähe zum Vergnügungssaal, in dem ich ältere Herrschaften zu Schlagermusik Standard tanzen sah. Aber es war nur für eine Nacht, und ich hatte sowieso das Gefühl, dass das hier Absicht war. Dass hier jemand noch Pläne mit mir hatte. Und irgendwie wünschte ich es mir auch.

Dann kam dieser Zirkus aus Frauenleibern und seinem Kopf herein. Ich betrachtete ihn amüsiert. Seine Augen blickten mich an. Willkommen in meinem Hotel, sagte er ein wenig blechern. Er zwinkerte mir zu.

(Halle, 13.01.2022)

wer wie was

Wieso weshalb warum.

Wie finde ich mich wieder?
Wie weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin?
Ist das nur eine Phase oder sollte ich mir ernsthaft Gedanken machen?
Wer bin ich eigentlich, und was will ich überhaupt?
Das Erreichte ist getan und in der Vergangenheit. Und jetzt?
Will ich so leben oder doch anders? Kommen diese Vorstellungen aus mir oder von außen? Ist das das Leben, das sich die Gesellschaft als „perfekt“ erträumt, oder das ich mir so ausmale? Woher weiß ich, was was ist?
Woher weiß ich, dass meine Geduld lediglich röchelnde, vor sich hin siechende Hoffnung ist? Die Träume, die ich einst hatte, sind sie überhaupt mit der Realität vereinbar? In der man Rechnungen zahlen muss, in der man muss, muss, muss? Was, wenn ich nicht alles so machen will, „weil man eben muss“, sondern was, wenn ich so leben will, dass es mein Herz erfüllt?
Hat jemand eine Antwort?

Der Liebe Wert

Wäre sich jeder Mensch seines Wertes bewusst, könnte das Geschäft mit der Liebe nicht so florieren.

Wir sind noch nicht gut genug, wird uns erzählt. Wir müssen uns optimieren, um die Liebe unseres Lebens zu finden. Müssen uns selber lieben lernen, am besten in teuren Seminaren und „Retreats“; müssen „heilen“, müssen Sport machen, müssen gesund essen – das entsprechende Zubehör gibt’s im nächsten Laden um die Ecke.

Natürlich machen wir das alles zunächst nur für uns selbst, wird uns erzählt – aber ob das auch die meisten tief in ihrem Inneren glauben?

Die Kapitalisierung der Liebe funktioniert reibungslos.

(22.07.19)

Du meine Sonne.

Leben fühl' ich, wenn wir zusammen sind. 

Wenn wir Haut an Haut, Mund auf Mund liegen, 
wenn wir uns spüren, riechen, schmecken, 
wenn unsere Finger und unsere Augen sich ineinander verhaken,
wenn wir reden, lachen, schweigen.

Du meine Sonne.

Bist du wirklich oder nur einer meiner schönen Träume?

Einen solchen hatte ich noch nie; wenn ja, dann lass mich nie mehr aufwachen, bitte...

Was hält Dich vom Fliegen ab?

– Ich liebe die Liebe. Jedes Mal bin ich voll und ganz dabei. Mit meinem ganzen Herzen, überzeugt von der Ewigkeit der Gefühle und der Großen Liebe. Alles nehme ich mit. Kein einziges Mal hält es lange. Was ist nur falsch mit mir?

– Falsch ist, diese Frage überhaupt erst zu stellen.

– Warum?

– Weil nichts mit Dir falsch ist, Du könntest wahrer nicht sein. Denn Deine Wahrheit ist Deine Freiheit.

– Okay, jetzt will ich das aber genauer wissen.

– Du bist frei, Du liebst, Du lachst, Du gibst, Du nimmst – Du lebst, alles gebend, nichts einfach so hinnehmend, keine Fesseln akzeptierend, keine Kompromisse. Wer ist freier als diejenige, die sich vom Ich befreit hat?

Liebe ist alles, was wir jemals brauchen. Sie kommt und lässt Dich sehen, fliegend über allem Irdischen, allen Hülsen, allen Kategorien des menschlichen Seins. Doch zieht sie sich zurück einem Schmetterling gleich, der nicht mehr fliegen kann, wenn Du seinen Flügeln zu nahe kommst. Du hast Dich vom Kokon befreit, Deine mächtigen, bunten schönen Flügel ausgebreitet. Was hält Dich vom Fliegen ab?

Der Singvogel und das melancholische Mädchen

Auch heute kam sie. Ihre traurigen Augen nahmen Platz auf der Bank unter seinem Baum. Sie blickte sich aufmerksam um, ob auch ja nicht zu viele Menschen unterwegs waren, die sie in ihrem Alleinsein unterbrachen.

Oft saß sie stundenlang da und genoss die Stille; der Singvogel war sich sehr sicher, dass sie ihm dann lauschte. Manchmal las sie ein Buch, in dem sie mit einem Bleistift für sie wichtige Sätze markierte.

Es war jedes Mal erstaunlich, welche Wirkung diese Stunden auf der Bank hatten. Natürlich war dafür auch sein Gesang verantwortlich, da war der Vogel ganz selbstbewusst. Immerhin lächelte sie sehr oft in seine Richtung, besonders wenn er sich ins Zeug legte und er ihr all jene Töne schenkte, die er für besondere Momente in sich aufbewahrt hatte. Als verstünde sie, was er ihr zurief, lehnte sie sich genießend zurück und nahm alles in sich auf.

Manchmal flog er ihr ein Stück des Weges nach, wenn ihre Zeit auf der Parkbank vorbei war. Er konnte dann sehen, wie sie sich ein wenig leichter bewegte, wie die Kraft, die sie an manchen Tagen nach unten zog, ein wenig nachgelassen hatte. Er wäre ihr gerne mit nach Hause gefolgt, hätte gerne mit ihr gegessen, ihr ein Gute-Nacht-Lied gesungen, an ihrem Bett gewacht. Aber das war nicht möglich, das hatte er beobachtet.

Die Zweibeiner bestanden darauf, dass Lebewesen wie er nicht in ihre viereckigen, steinernen Nester kamen, sie fuchtelten dann wild aufgeregt in der Luft herum, damit der Störenfried ihr Nest verließ.

Manche allerdings gab es, die seinesgleichen in kleine Kästen sperrten, um sich an ihnen oder auch ihrer Kraft zu ergötzen, die es ermöglichte, kleineren Lebewesen die Freiheit zu rauben. Der Singvogel glaubte ja, dass viele ihn um seine Fähigkeit des Fliegens beneideten und seinesgleichen deshalb einsperren, ihre Flügel stutzen und besitzen wollten. Warum sonst sollte man einem Lebewesen genau das nehmen, was das Wesen seiner Natur war?

Seiner Liebe wäre dies jedoch nie in den Sinn gekommen. Sie liebte alle Lebewesen, da war er sich sicher, und vermutete darin den Grund ihrer Traurigkeit. Sie liebte sie so sehr, und war doch traurig ob der Getrenntheit, die zwischen allen – insbesondere den zweibeinigen – Lebewesen bestand. Er spürte das, denn es ging ihm genauso.

Er würde in diesem Leben immer nur Singvogel bleiben, keine Chance haben, mit ihr Worte zu wechseln. Doch das war auch nicht nötig, denn er konnte dafür so singen wie niemand sonst auf der Welt, und vielleicht war genau das seine Lebensaufgabe.

Die Fühler des neuen Tags kitzelten ihn an seinen Federspitzen, was für ein herrlicher Morgen und Tag dies werden sollte. Er schüttelte sich und übte seine Stimme. Irgendwann, kurz nachdem die Sonne am höchsten stand, kam sie des Wegs, lächelte ihm zu und setzte sich.

Und er sang für sie die Arie seines Lebens: Sei traurig, mein Mädchen, der falsche Zeitpunkt, der uns zusammenführte, wird uns auch wieder trennen. Sei nicht traurig, mein Mädchen, ich bin bei dir, jede Sekunde Tag und Nacht, alles ist verbunden, für immer.

(Essenbach, 19.04.2020)