Die Rächerin im weißen Kleid

Die ältere Dame legt letzte Hand an. Ein Krönchen auf meinem Kopf, das Prinzessinnenbrautkleid sitzt perfekt, alles ist bereit für die Zeremonie. Sie sieht mich erwartungsvoll an, als wüsste sie, was ich gleich sagen werde. Sie hat Angst davor.

— Hast du mein Schwert? Ich habe so eine Ahnung, dass ich es heute brauchen werde.
Flüstere ich mit gläsernem, von Vorahnungen getrübtem Blick.

Die Dame nickt.

— Also ist es wahr. Ich habe es schon befürchtet.

Sie dreht sich um und zieht ein diamantbesetztes Schwert hervor. Ich erkenne es. Es ist mein Schwert, das vor so vielen Jahren mein ständiger Begleiter war. Wenn ich es in der Hand halte, ist es erstaunlich leicht. Es ist biegsam und scheint für Kinder gemacht. Doch das Äußere täuscht wie immer. Weiß Gott, wie viele Menschen ich damit verletzt und getötet habe.
Doch das sind Szenen, die in meiner Erinnerung verschwimmen. Vielleicht war das gar nicht ich.

Ich muss lachen.

— Tja, dieses Kleid ist nicht für Frauen mit Schwertern gemacht. Wo stecke ich es denn jetzt hin?

Die Dame lächelt.

— Wunderschön siehst du aus. Mächtig. Furchteinflößend. Hier.
Sie reicht mir einen Gürtel passend zum Kleid, an dem eine Scheide befestigt ist.

Ich bete inständig, dass am Ende des heutigen Tages nicht alles rot sein wird.

So gut ich mich gerade fühle, so sehr ich mir meiner bedeutsamen Rolle bewusst bin und auch sicher weiß, dass dieses Kleid allein mir zusteht und ich die Menschen befreien kann – die Stimme meiner Selbstzweifel beginnt sich zu regen.
Sind sich die anderen wirklich sicher, dass genau ich in diesem Kleid stecken soll? Dass ich dieses Schwert tragen darf? Dass ich gleich in einer mystischen Zeremonie zur „Rasenden Retterin der Menschheit“ ernannt werde?

Was für ein unangenehmer Erwartungsdruck.

Ein kleiner, fieser Teil in mir hofft auf eine Verwechslung, auf einen Menschen, der kurz vorher noch dazwischenruft: Halt, ihr habt euch geirrt, ihr habt die falsche Frau, ich bin es doch! Dann würden wir Kleidung tauschen und ich meine Verantwortung an sie abgeben. Was für eine Erleichterung das wäre.

Aber das ist reine Fiktion. Das ist die Angst in meinem Kopf — mein Herz weiß es besser.

Ich trete in den Gang hinaus und gehe in Richtung des Zeremonienzimmers. Dort sehe ich schon ein paar mir liebe Menschen, alle in weiß gekleidet, erwartungsvoll auf mich wartend, sich an den Händen haltend.
Aber ich bin noch nicht soweit. Ich brauche noch einen kurzen Moment.

Als ich die Augen aufschlage, befinde ich mich an einem anderen Ort. Das Kleid ist noch dasselbe, doch von oben bis unten rot und braun. Ich will gar nicht wissen, warum.
Außerdem habe ich gerade andere Sorgen.

Mit einer Hand hänge ich an einer Wand über einem Abgrund. Oben auf dem Felsen stehen meine Mitstreiter und schreien mir etwas zu. Mit seltsamen, rhythmischen Bewegungen des ganzen Körpers ziehe ich die Erd- und Felsmassen nach oben und unten, wodurch sich eine Höhle zu öffnen scheint. Aus dieser fließen Unmengen an Wasser, weswegen ich vorhin dachte, unter mir sei ein Meer.
Die letzten Bilder sind verschwommen. Wir müssen in diese Höhle, das weiß ich noch. Aus welchem Grund, das nicht. Sie greifen uns an, wir kämpfen. Wir verstecken uns. Wir haben Angst, und sind uns doch unserer Stärke bewusst.

Wir haben mich.

Ich für euch, und wenn ich dabei zugrunde gehe. Wunderbarerweise glaubt ihr an mich. Die Verbindung zwischen uns ist so stark, sie ist mein Antrieb, und ich werde alles für euch geben.
Bei meinem diamantbesetzten Gummischwert und dem nicht mehr ganz so weißen, blut- und schlammverschmutzten Hochzeitsrächerinnenkleid. Ich verspreche es euch.

Dann springe ich.

wer wie was

Wieso weshalb warum.

Wie finde ich mich wieder?
Wie weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin?
Ist das nur eine Phase oder sollte ich mir ernsthaft Gedanken machen?
Wer bin ich eigentlich, und was will ich überhaupt?
Das Erreichte ist getan und in der Vergangenheit. Und jetzt?
Will ich so leben oder doch anders? Kommen diese Vorstellungen aus mir oder von außen? Ist das das Leben, das sich die Gesellschaft als „perfekt“ erträumt, oder das ich mir so ausmale? Woher weiß ich, was was ist?
Woher weiß ich, dass meine Geduld lediglich röchelnde, vor sich hin siechende Hoffnung ist? Die Träume, die ich einst hatte, sind sie überhaupt mit der Realität vereinbar? In der man Rechnungen zahlen muss, in der man muss, muss, muss? Was, wenn ich nicht alles so machen will, „weil man eben muss“, sondern was, wenn ich so leben will, dass es mein Herz erfüllt?
Hat jemand eine Antwort?

Die Pfütze

Folgende Geschichte hat sich eines Nachts tatsächlich so zugetragen, obwohl sie so unwirklich klingt, dass wir es selbst kaum glauben können. Weil wir uns so absolut nicht erklären können, wie diese Situation entstand, sind wir mehr als dankbar für jegliche eurer Theorien. Doch lest zunächst selbst:

Plötzlich befand ich mich auf Holz. Dunkel war’s, und neben mir hingen schmale Oberkörper nebeneinander gereiht an Haken. Völlig perplex bemerkte ich erst jetzt, dass ich nicht alleine war. In mir stand einer der „Menschen“ genannten Lebewesen dieses Planeten und bewegte sich nicht.

Seltsam war: Ich hatte wirklich absolut keine Ahnung, wie ich hierher gekommen war. Ich war schließlich eine Pfütze Wasser, und das tauchte nicht einfach so aus dem Nichts auf. Die Menschen holten mich aus ihren Leitungen, sie tranken mich aus Gefäßen. Nirgendwo aber war eines davon in Sicht, nirgendwo war eine Spur Wasser, die uns in Richtung der Quelle geführt hätte, von der ich entstammte. Die Tür hinter dem Menschen war geschlossen, es war Nacht.

Auf einmal ward es Licht. Ich blinzelte und breitete mich vor Schreck noch ein wenig weiter über den Boden aus.

Ein zweiter Zweibeiner kam um die Ecke. Riesig und furchterregend. Wie nach monatelangem Winterschlaf rieb er sich verwundert die Augen. Er machte Laute, die offensichtlich in demjenigen etwas bewegten, der in mir stand.

⁃ Was machst du da, mein Sohn? Du bist ja völlig desorientiert!

⁃ Ich bin nicht desorientiert.

Kam monoton aus dem Mund des Desorientierten.

Endlich stieg der Mensch aus mir heraus. Erleichtert schwappte ich ein wenig hin und her, meine neue Bewegungsfreiheit feiernd. Doch nicht lange währte dieser Moment der Freude. Der winterschlafende Zweibeiner holte einen meiner Feinde – einen riesigen Lappen – und warf ihn auf mich.

Noch bevor ich das Rätsel meiner Herkunft gelöst hatte, war mein Leben vorbei, zumindest in dieser Form. Der Stoff nahm mich auf und ich ging mit, löste mich in Abermillionen Teilchen auf, wirbelte die Kanaäle hinunter und bin jetzt, wo ich dies hier erzähle, schon längst in anderer Gestalt, doch das ist eine andere Geschichte.

Am schönsten ist es am Fluss, wenn es regnet

Wenn ich nichts anderes höre als das meditative Prasseln der Regentropfen auf meinem Schirm. Wenn der Dunst die Natur hinter einen grauen Schleier zwingt. Fische springen in Schwärmen aus dem Wasser, als würden sie sich jedes Mal absprechen: Wer fängt bei eins, zwei, drei die meisten Fliegen? Mutter und Vater Graugans quaken ihre sieben Kinder durch die nassen Wiesen zurück ans Ufer des Flusses. Ein letztes Betthupferl vor dem Schlafengehen, und dann ab, ab in die Federn! Das Wasser des Flusses scheint stillzustehen, und die normalerweise so glatte Oberfläche schmückt heute ein Ringelmuster.

Entlang des Boulevards kein einziger Mensch. Die großen, alten Bäume neigen sich neugierig über mich, auch sie sind verwundert über diese kleine Person, die des regnerischen Abends noch alleine hier entlangschlendert. Sie sind interessiert, aber distanziert. Im Falle des Falles würden sie ihre großen holzigen Köpfe und Hände über mich halten, mich beschützen, da bin ich mir sicher.

Drüben auf der anderen Seite in toten Wipfeln sitzen und krähen sie. In Scharen, es ist ihr Wetter und ihre Uhrzeit. Wie so oft frage ich mich, warum diese Vögel es so lieben, in düsterem Wetter in großen Gruppen ihre Todesbotschaften hinauszuschreien. Sie künden an die Dunkelheit aus nackten, toten Bäumen. Der Tag ist tot, lang lebe die Nacht!

Doch bin ich am liebsten hier, allein in der Wildnis, wo ich nur sie höre und sonst nichts. Keine Krähe kann mich verschrecken, ob sie es wollte oder nicht.

In den Gassen meines Viertels jedoch blicke ich um mich, an jeder Ecke potentielle Gefahr, da Schritte, dort ein Husten, Blicke, Hände, breiter Gang. Dann wechsle ich die Straßenseite, gehe einen anderen Weg und schneller, die Meditation ist vorbei, ich will nachhause in die sichere Wärme zwischen bekannten Wänden.

Von drinnen beobachte ich jetzt den Regen, wie er seine Musik auf den Dächern und Autos fortsetzt. In mir macht sich wieder die Ruhe von vorhin breit, zufrieden schließe ich das Fenster. Ein bisschen kalt ist es doch.

Ichs

Da ist dieser Abgrund, der nicht existiert, ich weiß das, und doch habe ich furchtbare Angst vor seiner Wirkichkeit. Jeden Moment könnte ich in die Tiefe stürzen, kilometerweit fallen, fallen bis ich auf dem Boden, der doch irgendwann kommen muss, zerschelle.

Was ist real, was fiktiv? Die Trennung dieser Bilder fällt mir manchmal schwer. Mein Kopf produziert Bilder und Geschichten im Sekundentakt, ich kann mir alles vorstellen und nur bisweilen nicht, dass das, was ich mit meinen Augen um mich herum sehe, wirklich ist.

Ich träume mich in andere Welten, die sich teils mehr, teils weniger von dieser meiner jetzigen, in der ich diesen Text tippe, unterscheiden.

Was wäre, wenn?

Dieser Umstand könnte anders sein, ich und alles wäre anders, wie wäre das doch schön. Ich träume mich hinaus und hinüber, draußen regnet es, so schön warm hier, vielleicht bleib‘ ich doch.

Was, wenn all die Bilder in meinem Kopf real existierten und sie ein anderes meiner Ichs tatsächlich lebt? Wie spannend und wie traurig und wie schön und lustig und furchtbar für sie.

Wer weiß, vielleicht denken sie gerade auch an mich?

Der tote Wald

Mir träumte, ich sei ein toter Wald. Alle Bäume leblos, unsere noch nassen Blätter bedeckten den Boden.

Warum ist denn alles tot, fragte ich in die Stille hinein. Woran leiden wir, was hat man uns geraubt oder zugefügt?

Da kam in uns hineinmarschiert eine Armee von Gärtnern mit riesigen Scheren. Sie liefen im Gleichschritt, formatierten und teilten sich, jeder Gärtner bewegte sich zielstrebig auf einen unserer Bäume zu.

Als alle bei ihrem Baum angekommen waren, fingen sie an, hinauf zu klettern. Eine schwierige Angelegenheit, weil aufgrund der Totenstarre viele Äste einfach abbrachen. So wie ich das erkennen konnte, hatten sie einen bestimmten Ast im Blick, den sie daraufhin mit ihrer Schere gekonnt zurecht stutzten.

Was war der Sinn dahinter? Eine oberflächliche Schönheitskorrektur, obwohl wir bis zu den Wurzeln verrottet waren?

Doch es schien die Gärtner nicht zu kümmern, ein jeder und eine jede von ihnen rutschten nun den Baum herunter und marschierte, wieder in perfekter Synchronisation, zum nächsten Objekt. Es wiederholte sich dieser Vorgang mehrmals.

Bevor sie mich jedoch entdeckten, lief ich davon, entsetzt über das Gesehene und voller Fragen. Warum ging niemand den Bäumen an die Wurzeln?

Maschinen gleich operierten diese Gestalten, selbst mit totem Blick, eine eisige Kälte ausstrahlend. Sie erschütterte mich bis ins Mark.

Ich erwachte fröstelnd.

Spiel mit Walen

Ich schwimme mitten im Ozean. Das Wasser ist dunkelgrün, fast schwarz, ein Zeichen für seine bodenlose Tiefe.

Ich spiele mit einem Wal, der aussieht wie ein Delfin, und der bestimmt zehn Mal so groß ist wie ich. Er scheint sich sehr zu freuen, er lacht und schlägt wie wild mit den Flossen, er springt aus dem Wasser und um uns herum. Uns, das ist neben mir noch mein Bruder, wir scheinen Spaß zu haben oder zumindest so zu tun, immerhin wollen wir den Wal lieber nicht verärgern. Er springt mit seinem tonnenschweren Gewicht immer fast auf uns drauf, schnell wären wir Fischfutter.

Irgendwann kommen wir auf die Idee, uns doch an seiner Rückenflosse festzuhalten. Auf dem Rücken ist besser als unter dem Bauch oder auch unter dem Rücken, bei einem Rückenplatscher. Man, ist der glitschig und nass, all das Moos oder was der auf seiner Haut hat, gar nicht so leicht, sich da festzuhalten. Mir gelingt es dennoch besser als meinem Bruder, und irgendwann sehe ich ihn nicht mehr.

Plötzlich macht der Delfinwal einen so abrupten Satz, dass ich in hohem Bogen von seinem Rücken und ins tiefe, dunkle Meer fliege. Von weitem sehe ich schon den riesigen Schatten, der dort unter der Oberfläche lauert. Das ist ein anderer Wal, ernster als der unsere, und vor allem größer. In Zeitlupe fliege ich auf ihn zu, das Wasser kommt näher und damit auch das Ende meines Traums.

Ich weiß nicht, was auf mich zukommt, es ist angsteinflößend. Gleichzeitig habe ich vollstes Vertrauen, dass alles gut wird.

Alles ist immer noch ein Traum.

Die fehlende Tür

Ich wollte nur noch schnell die Schuhe meiner Freundin holen, die sie oben im dritten Stock liegen gelassen hatte. Anscheinend hatten wir so heftig gefeiert, dass alle ihre Schuhe ausgezogen hatten, ich erinnerte mich nicht. Also holte ich ihre Schuhe, aber statt der Schuhe stand dort nur eine Vase. Ich zuckte die Schultern, über den Geschmack anderer zu urteilen war nicht meine Sache, nahm sie und ging Richtung Ausgang.

Das Verzwickte nun war, dass es kein Treppenhaus gab. Wer in die unteren Stockwerke wollte, musste aus dem Fenster die Hauswand hinunter klettern. Kein Problem eigentlich, ich wusste, ich hatte das schon öfter getan, nur diesmal ging es nicht. Vielleicht lag es an der Vase, oder an den regennassen Wänden, es war einfach nicht möglich.

Da entdeckte ich auf der gegenüberliegenden Seite des Fensters eine Tür. Darauf war auf Deutsch und auf Französisch zu lesen: Achtung! Kein Zutritt! Prüfungssituation. Ich verstand, was sie mir sagen wollten, aber erst, nachdem ich schon durch die Tür getreten war und in einer völlig anderen Welt stand.

Ich fühlte mich auf der Stelle fehl am Platz, ganz fremd, obwohl das auch nur Menschen hier waren. Überall murmelte, flüsterte, zischte es Französisch, und wie in einem riesigen Hörsaal saßen junge Menschen in Schuluniform. Zwischen ihnen Plastiktrennwände. Okay, keine Panik, Lena, du musst hier nur die Treppe nach unten finden und so tun, als wärst du eine verwirrte, verplante Studentin, die keine Ahnung hat, wo sie in diesem überdimensionalen Audimax Platz finden soll. Das sollte dir eigentlich wirklich nicht schwer fallen.

Panik stieg in mir auf, denn es war weit und breit kein Ausgang zu finden. Immer schneller hetzte ich durch die Flure, immer neue Welten taten sich auf. Hinter der einen Tür war plötzlich ein Aquarium, das so groß war, dass darin sogar Wale Platz hatten. Hinter der anderen Tür befand sich ein Garten, in dem die Schüler zu lustwandeln schienen, Pause machten, sich die Zeit vertrieben. Nirgendwo eine Treppe in Sicht. Einen zugänglich aussehenden Jungen fragte ich nach dem Weg zum Ausgang, doch er blickte mich nur befremdet an, sagte, es gebe hier kein Entrinnen, wenn man nicht den Test bestanden habe. Französisch? Ich kann doch kein Französisch.

Irgendwann, nach der tausendsten Tür, gab ich auf, lieh mir eine dieser schwarz-weißen Uniformen, band mir das schwarze Tuch um den Hals, und verschwamm mit der Masse.
Mein ursprüngliches Ziel aber habe ich nie vergessen.

(Halle, 03.02.21)