Bild einer Reise

Seelen, die in Booten auf einem riesigen Ozean schwimmen, jahrelang auf Reisen, alle auf der Suche nach etwas, doch die meisten wissen nicht, nach was. Es ist die andere Seite, die „Neue Welt“, das rettende andere Ufer. Die meisten beseelten Schiffe landen am Ende ihrer Reise am Ausgangspunkt, dem Hafen, an dem die Seele nach ihrer Wanderung, ihrem lebenslangen Lernen, in ein anderes, unverbrauchtes, neues Boot umsteigt. Auf jeder Seefahrt lernt die Seele hinzu, mit dem anderen Ufer als Ziel.

Der Erfolg dieses Vorhabens hängt auch von der materiellen Beschaffenheit ihrer Boote ab: Ist es zu schwach, hat es zu viele Lecks, zu dünnes Holz, keine gute Innenausstattung, schafft es den beschwerlichen Weg nicht. Viele Boote wissen nicht, dass sie eigentlich Boote sind, schwimmend auf einem riesigen, unbekannten Gewässer, mit allerlei Strömungen, Hindernissen, Stürmen; sie wissen nicht, wonach sie eigentlich auf der Suche sind, sie lassen sich treiben, verfehlen den Weg, oder befinden sich durch falsch gesteckte Ziele auf Irrwegen, die sie doch nur im Kreis führen.

Allein es gibt auch diejenigen, die auf den eigentlichen Kapitän ihres Fortbewegungsmittels, ihre Seele, hören. Sie hören darauf, was sie auf ihren letzten Reisen gelernt hat, sie füttern sie mit der für sie wichtigen Nahrung, sie tun alles für ihre Weiterbildung, durch die sie es – wenn nicht mit dem jetzigen – so wenigstens mit dem nächsten Boot auf die andere Seite schafft und ihre ewige Ruhe findet.

Zu viel Ablenkung bringt vom Weg ab; sie beraubt die Kapitäne ihrer Kraft und Konzentration, die sie für den anstrengenden Weg so sehr benötigen. Strömungen sind es, denen sie sich zeitweise überlassen müssen, das Vertrauen in die Kräfte und das Wissen der Natur. Und zweifelsohne die Hilfe erfahrener Kapitäne, die, wenn man Glück hat, ihre Kenntnis des Weges teilen, sei es durch eine gemeinsame Fahrt, auf der sich die Schiffe gegenseitig unterstützen, oder sei es durch verschriftlichte Erfahrungen erfolgreicher Wegsuchender.

Erfahrungen werden zu Erinnerungen. Sie sind die Wegweiser, sie sind die Karten und Kompasse auf dem Weg zum anderen Ufer. Das Gedächtnis der Seelen ist die Literatur, die Kunst, alle Formen von Kommunikation, über die etwas festgehalten werden kann. Das Festhalten ist nötig, da die Seelen beim Verlassen des einen und beim Beziehen eines neuen Körpers die Informationen nicht übertragen können beziehungsweise sie nicht automatisch mit all ihrem Wissen des letzten Lebens im neuen Körper so weiterleben können. Man muss sich das so vorstellen, als würde die Seele, der Kapitän an Deck, ein Leben dafür schuften, neue Orte kennenzulernen, das Boot zum Schiff auszubauen, den Weg zu finden. Wenn es dies nicht schafft, so kehrt es zum Heimathafen zurück, verlässt das alte Schiff und findet sich ein neues, eine Nussschale, die es erst auszubauen gilt. Das ganze Wissen, das der Kapitän auf seiner letzten Reise erworben hat, nützt ihm wenig in einer Nussschale wie dieser. Aus diesem Grund hinterlässt er, sofern er Wichtiges gelernt hat, dies in schriftlicher oder anderer Form für die Nachwelt. Seine Erlebnisse werden zum Teil zu Erfahrungen, an die er sich im neuen Boot – unter den passenden Umständen – langsam wieder erinnert oder erinnert wird.

Veröffentlicht von

lenkasause

Schreibe Kurzgeschichten, Träume, Gedichte, Kommentare, einen Reiseführer...und meine Doktorarbeit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s