Wo gehen Amseln zum Sterben hin?

Fallen sie einfach vom Baum? Stürzen sie sich in einen Fluss? Landen sie in der Regenrinne und die nächste Sturzflut trägt sie für immer davon?

Unser Schorschi, der so oft für uns gesungen hat, den wir immer erkannten, selbst wenn er auf dem Dach des Nachbarhauses saß, ist nicht mehr da.

Vielleicht macht er Urlaub, hoffen wir, vielleicht hat er mal die Umgebung gewechselt.

Aber er kommt schon seit Wochen nicht mehr angeflogen, er bettelt nicht mehr um Weinberli (Rosinen), er trällert uns keine seiner Arien mehr.

Ist er mit seiner Familie umgezogen? Hat er das Dorf gewechselt, weil er sich von seiner Frau getrennt hat? Singt er nicht mehr, weil er krank ist oder Stimmbandprobleme hat?

Manchmal war er so frech und ist ins Haus hineingehüpft, einmal bis ins Wohnzimmer und dann wieder auf die Spüle in der Küche, wo er uns ein kleines Geschenk daließ.
Er kam angeflogen, wenn er durch die großen Glasfenster sah, dass einer von uns Zweibeinern die Küche betrat, oder wenn wir mit dem Fahrrad oder Auto nachhause kamen. Ich hab ihn immer auch durchs Telefon erkannt, wenn meine Mama auf der Terrasse oder am Esstisch saß. Sein Melodie war ohnegleichen.

Der Schorschi war nicht nur dadurch von den anderen Amseln unterscheidbar, er sah auch sehr zerrupft aus, und am Bauch wurde er immer kahler. Vielleicht war er doch krank, hat aber bis zuletzt alles gegeben, um die Nachbarschaft zu unterhalten.

Als meine Eltern dann zwei Wochen im Urlaub waren, kam er danach nicht wieder. Ein, zwei Mal noch ließ er sich von Weitem blicken, bis es eines Tages ganz still war und niemand mehr vom Hausdach gegenüber trällerte.

Ich hoffe einfach, er ist ebenfalls in den Urlaub geflogen, ganz lang, den Sommer über. Ich hoffe, er hat eine wunderschöne Zeit.

(Regensburg, 31.7.25)

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lenkasause

Die Worte flossen aus meinen Fingern, ich verstehe sie erst jetzt...

5 Kommentare zu „Wo gehen Amseln zum Sterben hin?“

  1. Wir hatten vor Jahren mal mehrere Spatzen auf dem Balkon. Die kamen auf einen Tisch, auf dem ein nicht genutztes Vogelhaus stand. Dabei war auch einer, der ein bisschen dicker ausschaute, ein bisschen zerzauster war als die anderen. Er pickte bedächtiger seine Körnchen und stand weniger auf seinen Beinchen als er auf seinem Bauch ruhte. Es geschah dann immer öfter, dass er einfach dablieb und sich schließlich häufig ans Vogelhaus lehnte und einfach einschlief. Das in etwa drei Wochen so. Wir vermuteten schon, dass er älter war und sich wohl bei uns sein Gnadenbrot holte. Eines Tages kam er nicht mehr. Drei Tage später sah ich ihn im Sand unter dem untersten Balkon unseres Hauses liegen. Er war gestorben.

    Vielleicht war es mit Deinem Schorschi ähnlich. In den letzten Jahren soll freilich auch ein sehr berüchtigtes Virus, das durch Mücken übertragen wird, den Amseln sehr zugesetzt haben.

    In dem (sehr empfehlenswerten) Roman „Das Vogelhaus“ von Eva Meijer wird auch davon erzählt, dass die Forscherin Len Howards teils intensive Begegnungen mit Amseln hatte. Es ist dort davon die Rede, dass die Amseln in ihrem Garten sich durch natürliche Scheu und gleichzeitige Offenheit für Unterstützung (z. B. durch Apfelstücke oder Rosinen) auszeichneten. Dein Schorschi war insoweit möglicherweise besonders offen und mutig.

    Deinem Wunsch für ihn schließe ich mich von Herzen an, liebe Lenka!

    Schönste Grüße an Dich! ✨💚

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