Wo gehen Amseln zum Sterben hin?

Fallen sie einfach vom Baum? Stürzen sie sich in einen Fluss? Landen sie in der Regenrinne und die nächste Sturzflut trägt sie für immer davon?

Unser Schorschi, der so oft für uns gesungen hat, den wir erkannten, selbst wenn er auf dem Dach des Nachbarhauses saß, ist nicht mehr da.

Vielleicht macht er Urlaub, hoffen wir, vielleicht hat er mal die Umgebung gewechselt.

Schon seit Wochen kommt er nicht mehr angeflogen, bettelt nicht mehr um Weinberli (Rosinen), trällert uns keine seiner Arien mehr vor.

Ist er mit seiner Familie umgezogen? Hat er seit der Scheidung das Dorf gewechselt? Hat er Stimmbandprobleme?

Manchmal war er so frech und ist ins Haus hineingehüpft, einmal bis ins Wohnzimmer und dann wieder auf die Spüle in der Küche, wo er uns ein kleines Geschenk daließ.
Er kam angeflogen, wenn er durch die großen Glasfenster sah, dass einer von uns Zweibeinern die Küche betrat, oder wenn wir mit dem Fahrrad oder Auto nachhause kamen. Selbst durchs Telefon habe ich ihn erkannt, wenn meine Mama auf der Terrasse oder am Esstisch saß, seine Melodie war ohnegleichen.

Doch nicht nur dadurch unterschied er sich von den anderen Amseln: Sein Gefieder war zerrupft, sein Bauch wurde immer kahler. Vielleicht war er wirklich krank und gab doch bis zuletzt alles, um seine Fans und Gönner zu unterhalten.

Als meine Eltern dann zwei Wochen im Urlaub waren, kam er danach nicht wieder. Ein oder zwei Mal noch ließ er sich von Weitem blicken, bis es eines Tages ganz still war und niemand mehr vom Hausdach gegenüber pfiff.

Ich hoffe einfach, er ist ebenfalls in den Urlaub geflogen, ganz lang, den Sommer über. Ich hoffe, er hat eine wunderschöne Zeit.

(Regensburg, 31.7.25)

Wem meine kurzen Texte gefallen, der ist herzlich dazu eingeladen, mich auch mit meinen langen Texten zu unterstützen:

Dieses Jahr habe ich meinen ersten Roman Die Unterirdischen Seen“ veröffentlicht sowie eine kleine Gedichtsammlung mit meinen Lieblingsgedichten aus den Jahren 2019 bis 2023 („Das muss dieses Leben sein“).

Die Bücher gibts überall, wo’s Bücher gibt, als Print on Demand oder E-Book.

Jede Bestellung und auch jedes Feedback/ jede Online-Bewertung hilft 🙂

Danke schon mal ❤

Published by

Avatar von Unbekannt

lenkasause

Die Worte flossen aus meinen Fingern, ich verstehe sie erst jetzt...

5 Kommentare zu „Wo gehen Amseln zum Sterben hin?“

  1. Wir hatten vor Jahren mal mehrere Spatzen auf dem Balkon. Die kamen auf einen Tisch, auf dem ein nicht genutztes Vogelhaus stand. Dabei war auch einer, der ein bisschen dicker ausschaute, ein bisschen zerzauster war als die anderen. Er pickte bedächtiger seine Körnchen und stand weniger auf seinen Beinchen als er auf seinem Bauch ruhte. Es geschah dann immer öfter, dass er einfach dablieb und sich schließlich häufig ans Vogelhaus lehnte und einfach einschlief. Das in etwa drei Wochen so. Wir vermuteten schon, dass er älter war und sich wohl bei uns sein Gnadenbrot holte. Eines Tages kam er nicht mehr. Drei Tage später sah ich ihn im Sand unter dem untersten Balkon unseres Hauses liegen. Er war gestorben.

    Vielleicht war es mit Deinem Schorschi ähnlich. In den letzten Jahren soll freilich auch ein sehr berüchtigtes Virus, das durch Mücken übertragen wird, den Amseln sehr zugesetzt haben.

    In dem (sehr empfehlenswerten) Roman „Das Vogelhaus“ von Eva Meijer wird auch davon erzählt, dass die Forscherin Len Howards teils intensive Begegnungen mit Amseln hatte. Es ist dort davon die Rede, dass die Amseln in ihrem Garten sich durch natürliche Scheu und gleichzeitige Offenheit für Unterstützung (z. B. durch Apfelstücke oder Rosinen) auszeichneten. Dein Schorschi war insoweit möglicherweise besonders offen und mutig.

    Deinem Wunsch für ihn schließe ich mich von Herzen an, liebe Lenka!

    Schönste Grüße an Dich! ✨💚

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar