Was, wenn du über Nacht zum Nichtsnutz wirst, einem Käfer, der auf dem Rücken liegt und nur darauf wartet, bis ihn jemand umdreht? Wer hätte dich dann noch lieb? Wer würde dich besuchen, dir zu essen bringen, sich um dich kümmern? Wie lang würde es dauern, bis du zur Last wirst, bis die Menschen um dich herum sich insgeheim denken: ach, warum stirbst du nicht einfach, es wäre besser für uns alle. Kannst nicht mehr arbeiten gehen, dich nicht verständigen und lächeln, nur liegen, Sekrete absondern, mit deinen Fühlern und Beinchen zappeln.
Was ist das für ein Leben? Was hast du angestellt, um so zu enden? Und warum tust du nicht alles dafür, wieder Mensch zu sein? Machst du das absichtlich, damit du nicht zur Arbeit gehen musst? Auf der faulen Käferhaut liegen und sich von uns aushalten lassen, das sehen wir gern!
Und du, du liegst nur da, selbst erschrocken über dein Schicksal; wer bin ich, denkst du, wenn ich zwar weiß, ich bin derselbe, hab mich über Nacht nicht geändert, blicke aus denselben Augen wie noch vor Stunden, doch mein Körper und alles, über das ich mich definierte, ist verschwunden. Du bleibst Käfer, abhängig vom guten Willen anderer, an der schon wunden Zitze der Hoffnung saugend, manchmal kommt noch ein Tropfen, immer öfter nicht mehr.
Wer bin ich? Und wie lange warte ich, bis sie das ersehnte Gegengift finden? Was, wenn sie keines suchen, oder sich Zeit lassen damit, pressiert ja nichts, wen kümmert schon ein ekliger, fauler Käfer, warum in ihn investieren, wenn wir nicht wissen, ob sich das am Ende lohnt?
Gib noch nicht auf, flüstert die Hoffnung, morgen schon könnte alles vorbei sein, ein langer, schrecklicher Albtraum war‘s, doch auch dieser endet, wenn du mit dem nächsten Tag endlich erwachst.
Ich mag Käfer, und helfe ihnen immer auf die Beine, wenn sie auf dem Rücken liegen. Vielleicht findet sich eines Tages auch für den Käfer in deiner Geschichte eine solche Hilfe, im übertragenen Sinne… Ich wünsche es ihm.
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Solange es Menschen wie dich gibt, gibts noch Hoffnung 🙂
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Ich werde rot… Dankeschön. 😊
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Hoffnung …, der letzte Konjunktiv des Daseins. Bezogen auf den Einzelnen, bezogen auf das große Ganze. Bloß, um nur weiter Konjunktiv zu bleiben, bräuchte sie Nahrung.
Ein paar Unermüdliche sehe ich noch, die derer Art Nahrung suchen, sogar selbst welche sind. Aber im großen Getriebe sind sie es, die die Käfer sind …
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Danke wieder an Dich, liebe Lenka, für diese intensiven, meisterhaft geschriebenen kleinen Text. Du bist ein schöner Käfer und das wirst Du blieben, für mich.
Sehr liebe Grüße! ✨🤗🍀
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