gedacht ich denke an dich bin deiner eingedenk ein gutes und öfter ein schlechtes möchte nicht denken denke an dich werde nie vergessen denn mein eigentliches Gedächtnis ist das H e r z. - und das denkt nicht.
[Halle, 26.9.2019]
gedacht ich denke an dich bin deiner eingedenk ein gutes und öfter ein schlechtes möchte nicht denken denke an dich werde nie vergessen denn mein eigentliches Gedächtnis ist das H e r z. - und das denkt nicht.
[Halle, 26.9.2019]
Am Horizont dröhnt und kracht es, so stelle ich mir die Geräuschfront eines Krieges vor. Was, wenn der Krieg schon längst vor unserer Haustür ist? Was, wenn diese Stadt eigentlich die ganze Welt darstellt und alles, was wir in der Zeitung lesen, sich nur auf sie bezieht?
Kann gar nicht sein, wir waren doch gerade erst außerhalb, sind nach Bayern gefahren. Oder war das ein Traum?
Was, wenn alles, was wir vermeintlich außerhalb der Stadt erleben, nur ein einziger Traum ist? Die Jahre davor, das Studium in der anderen Stadt, meine Kindheit – Traum. Das Leben beginnt erst mit Übertritt in diese Stadt. Dann verstünde ich, warum mir die Jahre davor viel froher und unbeschwerter erscheinen.
Es war nur ein Traum.
Vielleicht fahre ich bald mal länger weg, nur weg von hier, meinen Ängsten und Zweifeln davon. Kann ich dem Leben entfliehen und für immer träumen? Ist das dann noch Leben? Oder befinde ich mich bei Übertritt in einer Starre, eingefroren, bis ich entscheide, aufzuwachen?
Ich bin oft sehr müde zur Zeit. Warum die ganze Mühe, wenn schlafen doch viel einfacher ist? Wenn im Traum viel mehr passiert als im Wachzustand in dieser Stadt?
Die Zeitungen gaukeln uns tägliche Ereignisse vor. Doch ereignet sich deshalb in unserem ganz eigenen Leben mehr? Was sie auch bewirken: Hoffnungslosigkeit, Ohnmachtsgefühle, Traurigkeit, Fassungslosigkeit, Scham, Wut (wenn ich es zu nah an mich heranlasse). Und das durch Dinge, die in diesem Augenblick nichts mit mir zu tun haben. Die vielleicht nur in der Traumwelt stattfinden, wenn überhaupt. Lieber nicht zu viel lesen.
Mitternacht, ich öffne das Fenster, es ist laut für diese Uhrzeit. Grillen zirpen, aus mehreren Wohnungen Action-Film-Geräusche, hinten am Horizont die Autobahn, Lastwagen an Lastwagen, Feuerwehrsirene. Am Firmament der große Wagen, Cassiopeia, eine Sternschnuppe. Auf der Couch schläft meine Liebe, psst, leise lege mich dazu. Mal sehen, was meine Träume heute offenbaren.
„Waaas würdest du tuuun“, fragte mich mein Freund Rabe, „wenn Du wüüüsstest, Du hast noch genaaau eine Woche zu lääben?“ Er schüttelte seine Flügel aus und schaute mich neugierig mit zur Seite geneigtem Kopf an.
Mich überraschte eine solche Frage nicht. Wir unterhielten uns immer sehr philosophisch und ohne große, höfliche Einleitungen.
„Ich würde die schönste Geschichte der Welt schreiben“, antwortete ich, ohne viel darüber nachdenken zu müssen. „Ich würde es nicht mehr länger aufschieben.“
„Ohhh, interessaant, erzäähl sie mir doch bäätte. Wovon handelt sie denn und warum iist es die schäänste Geschichte der Wäält?“
„Weil ich sie ohne Angst schreiben würde. Ich hätte ja nichts mehr zu verlieren, oder? Könnt nicht versagen, die Meinung der Leute könnt mir egal sein, und ob ich damit erfolgreich bin oder nicht, auch. Die schönste Geschichte der Welt wär deshalb am schönsten, weil ich sie ohne Angst und aufrichtig erzählte. Aber ich kann Dir jetzt nicht verraten, wovon sie handelt, weil ich nicht in sieben Tagen sterbe und weil ich sie nicht aussprechen darf, sonst landet sie nie auf Papier.“ Da war ich ganz abergläubisch. Ziele und Pläne darf man niemandem verraten, sonst werden sie nicht wahr. Und andere wollen zu viel mitreden oder sie dir schlecht machen. Nix gut.
„Och Määnsch“, krähte der Rabe auf meinem Fensterbrett, „gib mir doch wäänigstens ein paar Hinweise. Bääätte. Ich läääbe Deine Geschichten.“
Die schönste Geschichte der Welt hat keinen Anfang und kein Ende. Sie beobachtet und beschreibt, sie interpretiert nicht. Sie enthält Liebe und Tod auf natürliche Weise, sie konstruiert nicht. Es gibt keinen roten Faden, doch alles hängt zusammen. Es gibt keine äußere Ordnung, nur eine innere, für aufmerksame, geduldige Leser auf den zweiten oder dritten Blick erkennbare. Sie wird zur Nicht-Geschichte, wenn man so will, denn die schönste Geschichte der Welt ist das Auflösen dieser, sie ist ein Nicht-mehr-erzählen.
Wie wird eine Geschichte für Dich zur schönsten Geschichte der Welt?
[Essenbach, 2.8.22]
Ich steige in den Fluss, mein Boot ist zerschellt, er nimmt mich mit. Wir werden eins, er fließt in mir aus mir durch mich in mich. Nein, nicht ich und der Fluss – ich, der Fluss. Wo ich nicht bin, kann nichts sein. Ich bin das Leben.
[Überall, immer]
Ich glaube an die Liebe, egal in welcher Form. Ich glaube an mich. Verzeih mir, bitte, meine hässlichen Fratzen des Neids, der Eifersucht, wenn sie mich umnebeln, mich erblinden lassen, meine hässlichen Worte, das bin nicht ichich. Das ist das Kind in mir, das sich nach Liebe sehnt, das nicht ausgeschlossen, das nicht wie ein Kind behandelt werden will, das nichts zu wissen braucht, das eh noch nichts versteht. Ich bin die Liebe, doch jedes Licht erzeugt umso größere Schatten, je näher man ihm kommt. Diese hässlichen Worte der Fratzen verletzen vor allem mich, weil ich damit immer nur die Menschen, die ich am meisten liebe, von mir stoße. Überall Feinde: Ich zücke das Messer, versuche sie abzuwehren - tiefe Wunden in der eigenen Haut. Ich werfe das Messer, versuche sie zu treffen, bevor sie zu nahe kommen, siehe, sie haben ihre Messer schon erhoben - und nur mein eigenes Spiegelbild zerbirst. Wie der verletzte Löwe greife ich an - und werde am Ende selbst gefressen. Du bist so nah wie niemand und doch so fern, durch dich werden meine Wunden offenbar, und nur durch dich können sie heilen. Ich bin das alles und auch nicht, du weißt es und auch ich, aber ich vergesse mich und es bisweilen...
(Halle/Saale, 17.06.2022)
P.S.: Inspiriert durch Rumi: „Eine Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eindringt.“
Eine Sehnsucht,
die dich immer weitergehen,
nie stillstehen lässt;
an der du bisweilen verzweifelst,
doch jeder Schritt in ihre Richtung erfüllt dich
wie nichts auf der Welt.
Sie ist still, lautlos gar,
und übertönt doch alles.
Weil dein Außen oft alles einnimmt, vergisst sie dein Kopf, dein Herz aber nie.
Wie etwas finden, von dem du nur weißt, aber nicht, was es ist?
Das du nicht suchen kannst, sondern das dich findet, aber nicht, wenn du stehen bleibst?
Das kein Ende hat, nur das deine,
und das für jeden offenbar und doch unsichtbar ist?
(Halle, 12.06.22; Gedanken zu meinem literarischen Projekt „Die Unterirdischen Seen“)
Menschen, die alleine sind, sind uns auch deshalb suspekt, weil sie vermeintlich zu keinem Rudel gehören.
Wer zu keinem Rudel gehört, scheint sich nicht rudelgemäß – also sozial – zu verhalten, scheint in keine Gemeinschaft zu passen, scheint eine Gefahr darzustellen, scheint meidenswert.
Der Mensch überlebt nur im Rudel, daher ist dies tief in unseren Instinkten verankert, Einzelgängern zu misstrauen.
Man muss nicht mal Einzelgängerin sein, um misstrauische Blicke zu ernten, wenn man alleine spazieren, essen, in eine Bar oder ins Kino geht. Hat die keine Freunde?
Manchmal habe ich das Gefühl, mich in diese Situation hineinmanövriert zu haben und nicht mehr herauszukommen. Die Pandemie hat bestimmt ihr Übriges getan, ohne Zweifel, hat Gehirnwäsche betrieben. Aber meine besten Freundinnen wohnen so weit weg und es fällt mir schwer, andere, neue Freundinnen zu finden. Liegt das am Alter? Die meisten bauen Nest, gründen Familie. Es ist nicht mehr so einfach wie im Studium, wo man automatisch viel Kontakt zu anderen hatte.
Gleichzeitig langweilen mich viele Menschen mittlerweile (vermutlich ist das das Problem, ich weiß). Ständig auf der Suche nach der nächsten Ablenkung, ständig andere Leute treffen, da nen Kaffee, dort n Sektchen, Partyparty bis auf Nimmerwiedersehen. Ich habe Dinge zu erledigen, Ziele. Ich habe das Gefühl, die Zeit rennt mir davon.
Ich war schon immer gern allein mit mir. Das Gefühl der Langeweile bietet viel Potenzial für Kreativität, es eröffnet neue Räume (s. mein Text Lange Weile).
Wenn ich mal nicht auf eine Party gehen wollte, weil ich wusste, ich würde mich dort wegen der Leute einsamer fühlen als zuhause in meinem Zimmer, hat mich meine Mutter seltsam – misstrauisch – angesehen. Was stimmt nur nicht mit dir, mein Kind, geh doch auf die Party, was hast du denn schon wieder? Sei doch nicht so komisch. Warum habe ich mich dann am Ende schlecht gefühlt? Wegen solcher Worte.
Natürlich sehne ich mich nach anderen Menschen, dazuzugehören, nach einer Gruppe, die mich auf- und so nimmt, wie ich bin. Ich wünsche mir nichts sehnlicher. Meistens aber muss ich mich verstellen, so tun, als ob, es ist immer dasselbe. Ich habe auch Menschen, die ich zu meinem Rudel zähle, aber die wohnen alle weit weg (die meisten zumindest).
Ich gründe bald mein eigenes Rudel, das ist mal sicher. Bis dahin heule ich den Mond an.
(Halle, 3.6.22)
Mir träumte nun endlich wieder etwas Gräusliches. Bestimmt hatte meine Reise in den Iran vorletzte Woche etwas damit zu tun.
Wir, das waren meine Eltern und ich, aber auch noch ein paar Freunde, waren in einem Paradies von Garten. Wenn ich zurückdenke, könnte es der Naranjestan-Garten gewesen sein, aber vielleicht täuscht mich da auch schon die Erinnerung.
In diesem traumhaften Garten mit Springbrunnen, Palmen, exotischen Pflänzchen und Blumen spazierten auch einige Tiger mit ihren Kindern.
Tiger sind bei erster Betrachtung mit die schönsten Tiere, die es auf dieser Erde gibt, und doch auch die gefährlichsten. Sie machten allerdings nicht diesen Anschein, denn sie fraßen Pflanzen, lachten, und waren uns Menschen sehr gefällig.
Wie es aber in solchen Träumen eben so ist – dieser Zustand war nicht von Dauer. Denn plötzlich waren diese liebevollen Tierchen, auch die Baby-Tiger, hungrige, nach Blut dürstende Monster, die uns, einen nach dem anderen, in die Waden, sich dort fest bissen und nicht wieder losließen.
Ein Albtraum.
Wie in den vor 2500 Jahren in den Stein gemeißelten Bildern in Persepolis, wo die Löwen die Hirschen beißen (und vermutlich töten, aber wie diese Szenen ausgehen, kann man ja bei Stein-Bildern nie genau sagen, vielleicht machen sie den Hirschen ja nur einen ziemlich fiesen Knutschfleck).
Zum Glück befreite mich mein Gehirn bald von diesem grauenvollen Stress, und setzte mich auf einen Liegestuhl in die Sonne (vielleicht in Shiraz?).
So ein wunderbarer Moment, der muss gleich mal für Instagram zum Neidisch-Machen festgehalten werden. Ich ziehe noch schnell meine hochhackigen Schuhe an und fast ist das Foto fertig – Klick! Doch was ist das?!
Ich entdecke – und es ekelt mich an – meine Beinhaare, die an die 30 cm lang sind, einen dichten Flies ergeben und zusammen mit den Stilettos aussehen, als hätte ich dicke Winterstiefel aus Fell an.
Das ist ja schlimmer als die Tiger, hilfe, bitte fresst mich!
(Halle, 22.02.2018, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)