Der Andere sagte

Der Andere sagte:

Es erstaunt mich. Dieser Planet ist einzigartig im Universum, und ich habe schon viele gesehen.

Aber Lebewesen, die ihren eigenen Planeten zerstören und dabei munter zusehen, das ist schon besonders.

Er strahlte, zumindest interpretierte ich seinen Gesichtsausdruck so.

Vielleicht war das auch das traurigste Gesicht, das er aufsetzen konnte. Und vielleicht kannte er weder das eine noch das andere Gefühl.

Vielleicht war es sogar so, dass er und seine Mitwesen nur ein einziges Gefühl kannten. So waren sie ständig eine Mischung aus heiter, melancholisch, und wütend. Oder sie waren bar jeglicher Emotionen, oder sie fühlten kebao, ein Gefühl, das sich niemand von uns Erdlingen vorstellen kann.

[Halle, 26.1.22]


Eine kleine Textinspo, die ich grad in den Notizen auf meinem Handy gefunden hab. Sie zeigt, wie spannend der Perspektivwechsel sein kann.

Bei mir ist grad einiges los, viel Gutes auch, ich bin endlich in einer Post-Covid-Studie, schreibe an meinem Buch und arbeite an einem (Schreib-)Workshop, weswegen nur wenig Energie für weitere, kurze Texte übrigbleibt.

Ich hoffe, euch gehts gut!

Der Nebel

Bisweilen ist der Nebel greifbar, und wer in den oberen Stockwerken wohnt, hat das Gefühl, über den Wolken zu schweben. An diesen Tagen fühlen sich die Bewohner der Stadt wie benommen, als hätte sich der Nebel auch in ihrem Kopf breitgemacht. Dann ist die Stadt mit Untoten gefüllt, niemand achtet auf den anderen, alles egal, wichtig nur ist es, den Tag hinter sich zu bringen, morgen wird besser, ganz bestimmt. Wenn zwei Passanten im dichten Nebel aneinanderstoßen, erwachen sie kurz, erschrocken, entschuldigen sich hektisch und hasten schnell weiter, ein wenig gebeugter als zuvor. Der Nebel zerfrisst jede Lebensfreude, er verschluckt die Farben der Natur, saugt alles Schöne in sich auf. Er ist allgegenwärtig, im Innen und Außen der Menschen.

Und trotzdem: So sehr er sie auch bedrückt, so schwer er auf der Stadt liegt, geben sie nie ihm die Schuld. Der Nebel umarmt die Bewohner wie eine weiche, warme Decke, sie fühlen sich geborgen, zuhause, geliebt. Jeden Abend gehen sie betäubt, aber zufrieden ins Bett. Sie haben schon wieder vergessen, wie anstrengend und lang dieser Tag war, und sie sind auf’s Neue überzeugt davon, in der schönsten Stadt der Welt zu wohnen.

Wollen sie diese in seltenen Fällen verlassen, so sind sie schon nach einem Tag in der Fremde zittrig, unsicher und voller Sehnsucht nach „ihrer“ Stadt. Sie können nur schlecht schlafen, wenn sie nicht jeden Tag wenigstens ein wenig vom Nebel einatmen, der zu ihrem Zuhause gehört wie die vielen Schlote, das fehlende Wasser, die Hektik auf den Straßen.

Wir wissen nicht, ob sie die Stadt jemals wirklich verlassen. Ob das überhaupt möglich ist. Manche erzählen, dass sie einmal woanders waren, und doch sind sie immer wieder schnell zurück, als hätte der Nebel sie gerufen, oder als wäre es unmöglich, ohne diesen zu leben. Sie kehren zurück und haben vergessen, was sie dort draußen wollten, haben vergessen, wo sie waren.

Vielleicht umgibt die Stadt ein unsichtbares Gewebe, das den Menschen vorgaukelt, an anderen Orten zu sein, ein anderes Leben zu leben, bis sie schließlich umkehren, umnachtet, mit Bildern und Geschichten im Kopf, als wären sie nun ein anderer und besäßen neue Augen. Und manche gehen zum Sterben dort hinein, sie lösen sich auf in den sanften Stimmen, in den bunten Bildern, in den Wünschen und Träumen, und umschweben fortan unsere Stadt, gefangen im ewigen, aus uns selbst bestehenden Gewebe.

[Regensburg, 16.04.24]


Der Nebel spielt eine wichtige Rolle in „Die Unterirdischen Seen“, er trägt zur unheimlichen Atmosphäre der Stadt bei, verbirgt die Machenschaften des H. und malt die Erinnerungen der Protagonistin neu.

Was haben sie mit F. gemacht?

Ich habe nie herausgefunden, was sie mit F. gemacht haben.

Da sie nicht hier bei uns ist, kann ich nur vermuten, dass sie sie in eines ihrer großen Gefängnisse gesteckt haben, die sie draußen vor den Toren der Stadt unterhalten. Dorthin stecken sie diejenigen, die ihnen nicht ins Bild passen, die sich also weigern, bei ihren Arenakämpfen mitzumachen.

Oder sie haben sie „angepasst“, ich weiß nicht, was ich ihr weniger wünsche. Ein Leben im Gefängnis oder ein Leben unter neuer Identität, mit ausgelöschten Erinnerungen an früher, einer Maschine gleich, die perfekte Einwohnerin ohne eigene Meinung und eigenen Willen.

Was sie dabei genau machen, um diesen Puppenzustand zu erreichen, kann ich (zum Glück) nicht sagen, das wissen nur jene, die es durchführen und jene, an denen es durchgeführt wird, und diese schweigen danach für immer. Auch die Gefängnisse kann ich Ihnen nicht genauer beschreiben, über die hören wir nur Gerüchte. Und ich weiß nicht, was schlimmer ist: Zu wissen, dass Gerüchte oft übertreiben, oder dass sie doch nur die halbe Wahrheit sind, weil die ganze es nicht durch die dicken Mauern schafft oder so unaussprechbar ist, dass Worte niemals ausreichen.

Worte. Wörter. Man könnte alle Sprachen der Welt sprechen und nur ansatzweise die menschliche Erfahrung in all ihrer Brillanz und Grausamkeit beschreiben. Vielleicht ist es besser so. Manche Dinge sollten wir nicht aussprechen, und manche müssen frei bleiben, frei vom Gefängnis der Sprache.

Wir werden es wohl erst erfahren, wenn unser Heute Geschichte ist und man die Kinder über uns belehrt. Dann werden unsere Nachfahren hören, was wir uns gegenseitig angetan haben, was wir verpasst haben zu tun, und sie werden die Köpfe schütteln, sie werden sagen, zum Glück ist das nicht mehr so und das wird es auch nie wieder geben, während es in irgendeiner Ecke ihrer Stadt schon geschieht, unter anderem Namen, anderen Vorzeichen, aber heute ist heute und damals ist damals.

Was auch immer der Fall sein mag, ich hoffe inständig, F. geht es gut, wo auch immer sie jetzt sein mag. Und falls Du das hier eines Tages lesen solltest, meine liebe, liebe F.: Ich bin Dir von Herzen dankbar für alles, was du für mich getan hast. Es waren Deine Hinweise, die mich hierher geführt haben, wo ich jetzt bin, und auch, wenn das nicht ideal aussehen mag – zu wissen ist immer besser als nicht zu wissen.


Ein weiterer Auszug aus meinem neuesten Buchprojekt. F. war eine gute Freundin der Protagonistin, bis sie eines Tages spurlos verschwindet und nur Hinweise hinterlässt für deren Suche nach den Unterirdischen Seen.

Frisch aus der Feder, also seid bitte nachsichtig 😉

[Regensburg, 9.4.24]

Zu viele Umlaute

Ich liebe uns noch immer in diesem eingefrorenen Zustand, dieses perfekte, sehr verliebte Bild, ich liebe, was wir sein und werden hätten können. Doch das sind ein paar Umlaute zu viel für hier und jetzt.

Ich liebe uns für das, was wir sein und werden hätten können, ich liebe uns in exakt jenem Moment, blende vorher und nachher aus und mein gebrochenes Herz.

Versteht mich nicht falsch, ich bin froh darüber – auf eine gewisse Art, aber was bleibt mir auch anderes übrig. Ich liebe uns in anderen Dimensionen, was wir sein hätten können unter anderen Umständen, mit anderen Ichs.

Zu viele Umlaute.

Es ist die ewige Frage des: Was wäre, wenn… ? Sie zu beantworten ist unmöglich, doch sie hilft mir zu akzeptieren, was ist.

Wenn das so nicht geschehen wäre, wäre ich jetzt nicht hier. Wenn ich nicht diejenige wäre, die ich nunmal bin, und ich mag diese Person mittlerweile, habe sie akzeptiert, dann wäre ich nicht ich und wer weiß, was dann wäre.

Manchmal vermisse ich meine früheren Ichs, diese fröhlichen, unbeschwerten, vermeintlich.

Ich vermisse gar nicht jene Menschen auf den Bildern, nein, ich vermisse eher diese Momente des unbeschwerten, schwerverliebten Glücks, des Geliebtwerdens und des Liebens, des Wissens, die Welt steht mir offen und ich denke nicht weiter darüber nach, alles ist möglich. Ich vermisse die Schönheit, die sie mir entlockten, die Poesie, das intensive Fühlen.

So sehr das Hervorholen alter Bilder in Zeiten des Hungers natürlich ist, stillt es doch diesen nicht. Es macht uns hungriger, trauriger, blinder. Ernähren wir uns nur von Totem, sterben auch wir Stück für Stück, wir vergessen, echtes Essen zu essen. Wir werden selbst zur Hülle, vermeintlich voller Leben, aber innen tot. Ich verstehe das gut, ich vergesse zu essen bisweilen, weil ich zu müde, zu schwach, zu traurig bin; manchmal habe ich schlichtweg vergessen, wie essen geht und frage mich, wozu überhaupt. Und manchmal, je länger es her ist, umso öfter, habe ich einfach zu große Angst, dass man mich auslacht, weil ich nicht mehr weiß, wie das geht: Essen.

Das ist das Gefährliche am Zehren von alten Geschichten: Wir schmücken sie uns hübsch und unterhaltsam, dass sie unser Herz wärmen mögen in kalten Zeiten, wir malen sie bunt, um zu verdecken, dass sie schon lange verblichen sind.

Und darüber vergessen wir, neue, frische, unsere eigenen Geschichten zu schreiben.

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[Essenbach 2.4.24]

Wir Sternenstaub

Aus Sternenstaub, Du und ich, was für ein schöner Zufall, oder?

Wenn es so sein sollte, wieso feiern wir das nicht? Wieso ehren wir es nicht gebührend?

Und wenn es ein sehr glücklicher Zufall war, warum feiern wir diesen nicht?

Ein Zufall, dass sich alles so entwickelt hat, bis zu dem Moment, wo ich nun auf dieser Couch liege und in mein Handy diese Zeilen tippe. Machen wir das beste draus, ob Zufall oder nicht?

Ich weiß nicht.

Es scheint, wir behandeln uns und alles auf diesem wunderschönen Planeten zu selbstverständlich, als wäre das alles nicht das größte Wunder. So bunt und vielfältig, so einfallsreich und voller Liebe, ich bin sehr sicher, dass es einen solchen Planeten mit so außergewöhnlichen, seltsamen, lustigen und liebenswerten Lebewesen nur einmal gibt.

Das Universum in uns, in uns das Universum. Wieso verhalten wir uns nicht entsprechend?

Wir sind Sternenstaubklumpen, in sehr intelligenter Weise verbunden. Wenn alles aus ein und demselben Material ist, wieso haben wir dann nicht mehr Respekt voreinander? Vielleicht steckt in deinem Gegenüber, das du nicht kennst, Staub vom selben Stern wie in dir?

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[Regensburg, 17.03.24]

Inspiriert von der sehr schönen „Feelings“-Folge (Podcast von und mit Kurt Krömer) mit Dr. Mai Thi Nguyen-Kim

Das ist doch was

Wenn es mir so schlecht geht wie gerade, frage ich mich, ob das ewig so weitergehen kann.

Im Bett oder auf der Couch liegen, erschöpft wie nach drei Tagen wach, alles schmerzt, stehen und sitzen geht nicht, ohne dass mir schwindlig wird, mein Körper weh tut, mein Kopf und mein Herz schmerzen. Keine Kraft für soziale Interaktion, keine Kraft für einen Spaziergang. Nicht mal den Kopf zum Schreiben.

Das ist Vorsichhinvegetieren, darauf kann ich verzichten, das macht keinen Spaß. Nicht, dass ich mir selbst etwas antun könnte. Ich meide alles, bei dem ich mir irgendwie Schmerzen zufügen könnte. Das nicht. Aber ich wäre auch nicht böse, wenn es dann einfach aufhört. Ein Leben mit chronischen Schmerzen und ständiger Erschöpfung ist kein Leben. Leben bedeutet doch mit Menschen zu sein, zu lachen, alle Sinne auszukosten, zu lieben. Die Sonne im Gesicht, Küsse auf der Haut, gutes Essen im Mund, Frühlingsduft in der Nase.

Jetzt zu gehen wäre aber auch schade. Ich will das Leben meiner Brüder mitbekommen, das Leben meiner besten Freundinnen und ihrer Kinder, das Leben meiner Eltern.

Manchmal bin ich traurig, weil alle ihr Leben leben, es geht weiter, Neues, Aufregendes, Schönes erleben sie, und ich liege hier, froh, gerade keine Schmerzen oder Termine zu haben. Alle heiraten, kriegen Kinder, gehen auf Reisen, arbeiten in interessanten Jobs, wie das eben in meinem Alter so sein soll. Und ich: Ich liege hier, froh, wenn ich mal eine Stunde lang etwas schreiben kann, das Highlight meines Tages.

Vielleicht ist das einfach nicht das Leben, in dem ich ein „normales“ Leben führen soll. Vielleicht war das schon in einem der letzten, vielleicht kommt das noch im nächsten. Manchmal braucht es ja auch ein Zwischenleben, so eines zum Luftholen und Nachdenken. Kurz Pause gemacht und weiter geht’s. Kann ja nicht jedes Leben voller Action und Abenteuer sein, kann nicht jedes Leben gleich ablaufen. Die letzten Leben waren sowieso Erlebnis pur, so intensiv, dass ich bis heute davon zehre. Aber leben will ich nun doch, nur liegt das nicht immer in unserer Hand. Jetzt ist Pause angesagt, und das Beste, was ich jetzt tun kann, ist, sie zu akzeptieren. Mich zu freuen für alle, die in diesem Leben intensiv leben dürfen, die alles erleben dürfen, was das Leben ausmacht.

Das ist natürlich auch nur so eine normierte Vorstellung, was alles zu einem guten, „normalen“ Leben dazugehört. Vielleicht bedeutet „Leben“ auch nur Geborenwerden, Herzschlag, Sterben. Die Spanne dazwischen, wieviele Herzschläge, mit wem, wo und wie, ist letztlich unbedeutend. Leben ist Leben, wir versuchen es bestmöglich zu nutzen, oder auch nicht, alle uns möglichen Erfahrungen zu machen, oder auch nicht, und im besten Falle etwas zu hinterlassen, oder auch nicht. Und dann sterben wir, und wird das in 100 Jahren noch jemanden interessieren? Bei den meisten von uns nicht.

Also, es ist, wie es ist, ich liege hier, und bin froh um mein Bett, um das Dach über dem Kopf, um das Essen in der Küche. Ich bin froh, meine Familie in der Nähe zu haben und bisweilen ein paar Zeilen zu schreiben.

Das ist doch was.

[Regensburg, 18.02.24]

Gefangen im Kopf

Ich liege auf der Wiese, über mir grüne Blätter im Wind, in meinem Gesicht Sonne.
Nichtsahnend. Entspannung versuchend.
Plötzlich: Ich, in meinem Kopf gefangen. Ich, von innen anklopfend, schreiend. Lasst mich hier raus!

Gefangen in meinem Kopf, die Gedanken kreisen wild, stürmen wirbel,
saugen mich ein.
Jetzt sitze ich fest.
Was tat ich zuvor, was danach, wie geht normal leben?
Mein Kopf ein Stein, Betonklotz.
Ich will weinen, aber kann nicht.
Alles erscheint so schwer, unmöglich, gegen mich.
Oh, wie langweilig es hier doch ist, immer die selben angsterfüllten Gedanken. Enge, engst.
Ich klopfe, schlage von innen gegen meine Schädeldecke.
Lass mich hier raus!
Gerade eben noch war alles so leicht, wann ist das aus, wieso kann ich nicht einfach mal sein…

Entspannung misslungen. Wie ausbrechen?
Bewegung, ich fahre mit dem Fahrrad in Richtung eines in meinem Herzen wohnenden Menschen.
Begegnung, Kinderlachen, im Moment sein. Alles halb so wild.
Kannst jetzt wieder raus, Lena, war ein Missverständnis und nur aus Sicherheitsgründen.

Na, vielen Dank dafür, Quarantäne.

(Halle, 13.07.22)

Pferdeflüsterin

Vor ein paar Tagen träumte ich doch tatsächlich: 

Ich unterhalte mich mit diesem Pferd, einem wunderschönen Hengst. Er ist lustig, bringt mich die ganze Zeit zum Lachen, einfach wunderbar, dieser Typ. Ich fühle mich pferdewohl (pudelwohl ja eher nicht), als mir ein guter Freund zuflüstert, dass er es ja wohl eindeutig sei. – Wer? – Na er, er ist der, mit dem du dein Leben verbringen solltest. Er, der dich zum Lachen bringt wie sonst keiner, mit dem du einfach nur glücklich sein kannst und der dich nicht schwerer und zu jemandem anderen macht, die du gar nicht bist. – Das Pferd? Ja wohl in diesem Universum nicht! – Wer sagt dir, dass du noch in „diesem“ Universum bist?

(Kraków, 18.02.2017, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)