
Schlagwort: Liebe
Ein Gedankenspiel
Frei sein. Loslösen. Ich stelle mir vor, nicht von hier zu sein, sondern von einem anderen Planeten. Ohne Wörter für uns Alltägliches. Ohne Vorstellung, wie die Welt funktioniert, nur beobachtend.
Das erfordert enorme Kraft: Genau hinsehen, was für uns Menschen ganz „normal“ ist, was naturgegeben, was von uns gebaut, kultiviert, künstlich ist. Vergessen. Das Überflüssige vergessen. Alles.
Was sind gewisse Vorannahmen, die ich aufgrund meiner Erfahrung mache und mit der ich Dinge beschreibe? Was sehe ich nicht aufgrund meiner Erfahrung? Auf was lege ich besonderes Augenmerk?
Sehe und beschreibe ich manche Dinge so aufgrund meines kulturellen und sonstigen „Hintergrunds“? Aufgrund der Erzählungen, mit denen ich aufgewachsen bin?
Wie erlebe ich mit all meinen Sinnen – oder gar ohne sie? (Bei diesem Gedankenspiel gehe ich davon aus, dass der Ausserirdische die gleichen Sinne hat wie wir Erdenbewohner.) Teilweise fehlt mir der Wortschatz, um Dinge „exakt“ zu beschreiben, doch dann kommt die Poesie ins Spiel – beziehungsweise muss ich mit mir bekannten Wörtern das mir Unbekannte wiedergeben.
(Wird der Außerirdische verstehen, was Liebe ist? Was Ehe ist? Alle vom Menschen gemachten Regeln, Grausamkeiten, Zerstörungen seines eigenen Planeten?)
(Halle, 18.05.19)
Der geheime Club
Diese Nacht war furchtbar. Ich hustete mir wohl alle halbe Stunde die Seele aus dem Leib. Viele Male dachte ich mir: Wann wird es besser, wann wird es besser. Als sich meine Lunge für kurze Zeit beruhigt hatte, stand ich plötzlich in einem großen Raum. Dieser war gefüllt mit allerlei seltsamen Formen, von denen manche eine bekannte Form hatten, andere wiederum sehr befremdlich auf mich wirkten. Sie alle waren von bunter Farbe, und was das interessanteste daran war: Sie alle pulsierten wie ein frisch herausgeschnittenes Herz.
Wo bin ich?, fragte ich. Du bist jetzt im Club der Huster, antwortete eine Stimme hinter mir. Ich konnte jedoch nicht ausmachen, woher diese kam und zu welchem Körper sie gehörte. Wir wollten dich nur testen, ob du unsrer auch würdig bist. Daher haben wir dich solange so viel husten lassen. Da du nun auch ein Mitglied bist, verraten wir dir ein Geheimnis. Du kannst mit deinem Husten Sachen bilden, wir diese hier am Boden. Niemand in der Welt der gesunden Menschen ist dazu fähig, nur wir sind es, daher verrate dein Geheimnis nicht. Du wirst immer wieder aufwachen und husten, damit alles beim Alten ist und keiner Verdacht schöpft, doch zurückkehren kannst du jederzeit und deine Formen bilden.
Wozu dies gut sein sollte, war mir nicht klar. Was mir jedoch völlig egal war, denn nun hatte mein Husten einen Sinn. Ich war in einem Geheimclub, in einer Parallelwelt, in der alles Schlimme gut war und alles Gute schlimm.
Die Nacht war auf einmal weniger furchtbar und ging wie im Flug vorüber.
(25.12.2016)
Einmal seh’n wir uns wieder
im nächsten leben ich bin
auf der suche nach dir
versprochen uns immer
zu suchen
zu helfen
irgendwann aus diesem
labyrinth aus träumen
zu entkommen
was ist realität
in welcher lebst du am liebsten
Versprochen uns
auch nach dem tod zufinden
wiederzusuchen
gemeinsam
aus dieser hölle auszubrechen
alleine unmöglich
nur zu zweit finden wir ihn
du hast den plan und ich die taschenlampe
sag mir den weg
ich leuchte dir.
Hüter des Ingwer
Hüter des Ingwer, werden wir genannt. Aus dem ganzen Erdkreis kamen wir zusammen, um in dieser Stadt uns zu vereinen. Wir waren geboren aus dem Ingwer, und zum Ingwer kehren wir zurück, wenn unsere Sache hier erledigt ist.
Wir hüten den heiligen Ingwer, die Wurzel allen Glückes. So steht es geschrieben in der heiligen Ingwerschrift, die uns zuteil ward durch Ingbert, den Großen. Eine Regel in diesen Schriften lautet zum Beispiel: Würze nie mit etwas anderem als Ingwer. Oder: Trinke nie etwas anderes als Ingwer. Oder: Begehre nie eines Anderen
Ingwer. Und so fort.
Daher ist es mir leider nicht möglich, dich hier und jetzt zur Frau zu nehmen, da du nicht eine von uns bist. Desweiteren übernehme ich in zwei Tagen eine Charakterrolle, die ich fünf Jahre spielen darf. Wir können uns dann nicht mehr kennen, denn ich habe dich als dieser dann ja nie kennengelernt.
Der falsche Zeitpunkt, der uns zusammenführte, wird uns auch wieder trennen. Der Ingwer sei mit dir, mein Mädchen, also sei nicht traurig
(Ein Traum, Mitte September 2017)
Endlos
endlose straße sie soll nie enden wie meine liebe zu dir die lieder in meinem kopf das grau deiner wände.
Vergangenheit und Geschichte
Vergangenheit sind die vielen Gegenwarten, die nicht mehr sind. Vergangenheit ist jeder Augenblick des Jetzt, das nicht mehr ist. Jeder Schritt, den du vorwärts gehst, lässt sich nie mehr wiederholen. Es ist wie der Fluss, in den du nie zweimal steigst, denn das Wasser ist nicht mehr dasselbe.
Geschichte ist, wenn du die vergangenen Schritte rekonstruierst, die Wege, die du gegangen bist. Um dies zu tun, musst du daran denken, wohin du in jenem Augenblick unterwegs warst, oder aus welchem Grund du diese Schritte getan hast. Ziel und oder Grund. Das ist Geschichte. Dass du dabei Details weglassen musst oder vielleicht auch im Nachhinein Schritten Bedeutung zumisst, die du im Augenblick des Gehens nicht bedachtest, macht Geschichte aus. Deine Geschichte. Oder die Geschichte von jemandem, der dir erzählt, wohin er gegangen ist.
Willst du ergründen, wohin jemand gegangen ist, der dir nichts mehr erzählen kann, weil er nicht mehr auf Erden verweilt, so musst du den Hinweisen nachgehen, die er ob seiner Wege hinterlassen hat. Vielleicht hat er über besondere, eindrückliche Schritte Notizen geschrieben, vielleicht hat er Fotos oder Videos davon gemacht, um selbst nicht zu vergessen, welche Schritte er wann wohin getan hat. Das ist dann seine Geschichte, die du rekonstruierst anhand seiner Hinterlassenschaften.
Haben viele Menschen zur selben Zeit die gleichen oder ähnliche Schritte getan oder Wege beschritten, vielleicht sogar aufgrund des Befehls eines in der Rangfolge über ihnen stehenden Menschen, oder es geschieht etwas und ist geschehen, was die Schritte vieler Menschen in die gleiche Richtung bewegen lässt und ließ, so ist dies die Geschichte von vielen. Die Notizen, die diese oder nur einige dieser über ihre Schritte und Wege hinterlassen, können als Orientierung, als Wanderkarte für die Menschen dienen, die nach ihnen kommen. Anhand dieser können sie nachlesen, ob das Ziel die Wanderung wert ist, wenn ja, welche Straßen sie meiden sollten und welche besonders empfehlenswert sind. Daraus folgt, dass kein Weg, keine Straße, kein Schritt zwei Mal gleich gegangen werden kann: Immer sind entweder die Bedingungen anders, der Mensch ist ein anderer, außen oder innen können sich niemals selben. Doch es lässt sich aus jedem gegangenen Schritt lernen, der jemals auf die Erde gesetzt wurde, denn zum Lernen – oder, mit Platon, zum Erinnern – sind wir da.