Tat twam asi

Ich bin Alles und Nichts,
tausend Füchse und doch nur einer,
das Mädchen hinter der Kamera,
Dein Auge.

Bunt spiegelt sich die Welt in Dir,
golden gesprenkelt,
in Dir das Dasein
vereint zum Tanz der Liebenden.

Du suchst und rennst und sehnst,
unsichtbar der Weg,
Deine Karte im Herzen.

Bleib endlich stehen,
erkenn Dich in Dir, vergiss Dich
und Du siehst:

Du bist Alles, und Alles ist Du.

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[ich liebe dieses Gedicht und finde, es ist leider bisschen untergegangen, deshalb repost vom 4.6.20]

[Bild ist mit KI erstellt]

Der Singvogel und das melancholische Mädchen

Auch heute kam sie. Ihre traurigen Augen nahmen Platz auf der Bank unter seinem Baum. Sie blickte sich aufmerksam um, ob auch ja nicht zu viele Menschen unterwegs waren, die sie in ihrem Alleinsein unterbrachen. 

Oft saß sie stundenlang da und genoss die Stille; der Singvogel war sich sehr sicher, dass sie ihm dann lauschte. Manchmal las sie ein Buch, in dem sie mit einem Bleistift für sie wichtige Sätze markierte. 

Es war jedes Mal erstaunlich, welche Wirkung diese Stunden auf der Bank hatten. Natürlich war dafür auch sein Gesang verantwortlich, da war der Vogel ganz selbstbewusst. Immerhin lächelte sie sehr oft in seine Richtung, besonders wenn er sich ins Zeug legte und er ihr all jene Töne schenkte, die er für besondere Momente in sich aufbewahrt hatte. Als verstünde sie, was er ihr zurief, lehnte sie sich genießend zurück und nahm alles in sich auf.

Manchmal flog er ihr ein Stück des Weges nach, wenn ihre Zeit auf der Parkbank vorbei war. Er konnte dann sehen, wie sie sich ein wenig leichter bewegte, wie die Kraft, die sie an manchen Tagen nach unten zog, ein wenig nachgelassen hatte. Er wäre ihr gerne mit nach Hause gefolgt, hätte gerne mit ihr gegessen, ihr ein Gute-Nacht-Lied gesungen, an ihrem Bett gewacht. Aber das war nicht möglich, das hatte er beobachtet. 

Die Zweibeiner bestanden darauf, dass Lebewesen wie er nicht in ihre viereckigen, steinernen Nester kamen, sie fuchtelten dann wild aufgeregt in der Luft herum, damit der Störenfried ihr Nest verließ. 

Manche allerdings gab es, die seinesgleichen in kleine Kästen sperrten, um sich an ihnen oder auch ihrer Kraft zu ergötzen, die es ermöglichte, kleineren Lebewesen die Freiheit zu rauben. Der Singvogel glaubte ja, dass viele ihn um seine Fähigkeit des Fliegens beneideten und seinesgleichen deshalb einsperren, ihre Flügel stutzen und besitzen wollten. Warum sonst sollte man einem Lebewesen genau das nehmen, was das Wesen seiner Natur war?

Seiner Liebe wäre dies jedoch nie in den Sinn gekommen. Sie liebte alle Lebewesen, da war er sich sicher, und vermutete darin den Grund ihrer Traurigkeit. Sie liebte sie so sehr, dass sie traurig wurde ob der Getrenntheit, die zwischen allen – insbesondere den zweibeinigen – Lebewesen bestand. Er spürte das, denn es ging ihm ähnlich. 

Er würde in diesem Leben immer nur Singvogel bleiben, keine Chance haben, mit ihr Worte zu wechseln. Doch das war auch nicht nötig, denn er konnte dafür so singen wie niemand sonst auf der Welt, und vielleicht war genau das seine Lebensaufgabe.

Die Fühler des neuen Tages kitzelten ihn an seinen Federspitzen, was für ein herrlicher Morgen und Tag dies werden sollte. Er schüttelte sich und übte seine Stimme. Irgendwann, kurz nachdem die Sonne am höchsten stand, kam sie des Weges, lächelte ihm zu und setzte sich. 

Und er sang für sie die Arie seines Lebens: Sei traurig, mein Mädchen, der falsche Zeitpunkt, der uns zusammenführte, wird uns auch wieder trennen. Sei nicht traurig, mein Mädchen, ich bin bei dir, jede Sekunde Tag und Nacht, alles ist verbunden, für immer.

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(Repost vom 19.04.2020)

Wir Sternenstaub

Aus Sternenstaub, Du und ich, was für ein schöner Zufall, oder?

Wenn es so sein sollte, wieso feiern wir das nicht? Wieso ehren wir es nicht gebührend?

Und wenn es ein sehr glücklicher Zufall war, warum feiern wir diesen nicht?

Ein Zufall, dass sich alles so entwickelt hat, bis zu dem Moment, wo ich nun auf dieser Couch liege und in mein Handy diese Zeilen tippe. Machen wir das beste draus, ob Zufall oder nicht?

Ich weiß nicht.

Es scheint, wir behandeln uns und alles auf diesem wunderschönen Planeten zu selbstverständlich, als wäre das alles nicht das größte Wunder. So bunt und vielfältig, so einfallsreich und voller Liebe, ich bin sehr sicher, dass es einen solchen Planeten mit so außergewöhnlichen, seltsamen, lustigen und liebenswerten Lebewesen nur einmal gibt.

Das Universum in uns, in uns das Universum. Wieso verhalten wir uns nicht entsprechend?

Wir sind Sternenstaubklumpen, in sehr intelligenter Weise verbunden. Wenn alles aus ein und demselben Material ist, wieso haben wir dann nicht mehr Respekt voreinander? Vielleicht steckt in deinem Gegenüber, das du nicht kennst, Staub vom selben Stern wie in dir?

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[Regensburg, 17.03.24]

Inspiriert von der sehr schönen „Feelings“-Folge (Podcast von und mit Kurt Krömer) mit Dr. Mai Thi Nguyen-Kim

Es gibt nichts zu verlieren

Ich erzähle schon wieder Märchen. Diese andere Stadt gibt es nicht. Noch nicht.

Meine Erinnerungen verschwimmen mit den vielen Geschichten, mit meinen Träumen, Wünschen.

Heute ist etwas anders, aber noch lange nicht zu Ende. Ich bin jetzt eine von denen, die nichts mehr sagen, oder die sich nur noch in Bildern ausdrücken. Ich wohne außerhalb der Stadt, glaube ich, dunkle Szenen eines Busses vor Augen und von Männern, die mich hineinzerren, andere, verzweifelte Augenpaare auf mich gerichtet. Wir wohnen im Wald, glaube ich, ganz glücklich und auch nicht, weil wir wissen, dass da etwas völlig falsch läuft, weil wir wissen, und so viele nicht. Und weil wir nichts tun können, und wer weiß, aber nichts tun kann, flüchtet sich in Fantasiewelten und sein Gehirn verdrängt aus Verzweiflung.

Da waren jedoch diese vielen Bilder in mir, die hinausdrängten, also besorgte ich mir auf sehr umständliche Weise (sie verbieten uns hier im Wald Stift und Papier, aber wie das so ist mit Gefängnissen, du bekommst auf die ein oder andere Weise doch noch alles, was du willst) etwas zu schreiben. Vielleicht ist die Welt schon so, wie ich sie mir nach der Entdeckung der Unterirdischen Seen erträumte. Aber wären wir dann noch hier?

Der Bär sitzt drüben in seiner Ecke unter der großen Weide, zieht an seiner Pfeife (er hat sie sich mangels industriegefertigter Zigaretten selbst geschnitzt) und blickt den ganzen Tag auf den See. Als ich neu in den Wald kam, blickte er mich nur kurz traurig an und verkroch sich wieder in sich zurück.

Viele von uns haben schon aufgegeben, sie sitzen und warten auf ihre Erlösung.

Auch ich habe solche Tage, an denen ich mir nur wünsche, nicht mehr aufstehen zu müssen, wozu das auch alles. An anderen Tagen denke ich rebellischer, alles in mir steht auf gegen diese Ungerechtigkeit, gegen diese Stadt, gegen die Herrschenden. Irgendetwas haben sie aber mit meinem Gedächtnis gemacht, oder es waren die Unterirdischen Seen, denn ich erinnere mich an nichts. Gleich einem schwarzen Loch haben sie mir jegliche Informationen über meine Vergangenheit und meine Zukunft weggesaugt, und wenn ich sage, ich rege mich auf, dann ist das eher ein unbestimmtes Gefühl, eine Kraft in mir, die sich gegen diese Verlorenheit wehrt.

Wenn ich weder Gestern noch Morgen habe, worüber dann aufregen?

Ich bin im Wald, auf moosigem Boden, mit einer kleinen Hütte unter einem Tannenbaum, unweit des dunkelgrünen Sees. Ich fische mir einen Fisch, brate ihn über dem Feuer, teile ihn mit den anderen, denen es ähnlich geht wie mir. Heute bei mir, morgen bei dir, übermorgen alle zusammen.

Wozu kämpfen, wenn alles sinnlos scheint? Wozu aufstehen, wozu arbeiten, wozu irgendwas tun, wenn du weißt, du bist lediglich eine kleine Figur in der großen weiten Arena, und die dort oben lachen dich aus oder wollen dich einfach nur sterben sehen? Wozu noch Mühe geben?

Ich habe diese Geschichte aufgeschrieben, damit ihr, die ihr das lest, euch verbündet, damit ihr etwas tut, damit ihr aufsteht und gegen diese allzumfassende Ungerechtigkeit kämpft. Befreit uns von unserer Last des Wissens, befreit uns von unserer Ohnmacht. Ihr, die ihr das lest, verzeiht mir meine Schwächen, meine jahrelange Flucht, mein Nichtstun. Macht es bitte besser als wir, für euch, für uns, für alle, wir sind eins. Wenn ihr Hilfe braucht, holt uns hier raus – in unserem Zustand des Nichts sind wir für alles bereit. Es gibt nichts zu verlieren.


Dies ist, abgesehen vom Epilog, das Ende meines noch nicht existierenden Romans, an dem ich ab und an schreibe, und der mir schon lange im Hinterkopf sitzt. An dem ich verzweifle, weil ich zwischendurch nicht weiß, wie es weitergehen soll. Hier hatte ich wohl einen guten Moment, ich hatte diese Zeilen ganz vergessen. Vielleicht wird eines Tages ja doch noch ein ganzes Buch draus, mit mehr Motivation durch außen? 😉

Die Reise geht weiter

Jetzt muss ich Abschied nehmen, meine Reise geht weiter.

Ich bin nicht traurig, ich freue mich sogar. Zu lange habe ich stillgestanden, abgewartet, mich geduldet.

Endlich hat mir mein Herz den nächsten Wegpunkt verraten.

Komme ich diesmal an? Gibt es überhaupt dieses sogenannte „Ankommen“, wenn der Weg doch so lange weitergeht, bis er endet?

Ich freue mich auf alles, was da noch kommt, endlich wieder Neues sehen, hören, spüren.

Die letzten Jahre waren nicht leicht, aber jetzt wird es anders, jetzt bin ich anders. Das weiß ich.

Vieles weiß ich nicht, manches schon.

Was ich denn will vom Leben, habe ich mich neulich gefragt. Zerrissen zwischen gesellschaftlichen, sich mir aufgrund meiner Natur aufdrängenden Erwartungen, den typischen Themen in meinem Alter, den Forderungen meiner Natur selbst, und meinen eigenen Wünschen. Manchmal bin ich so verwirrt, auch bitter, wütend, traurig, hilflos. Was will ich wirklich, und was kommt von außen?

In einem Zwiegespräch suchte ich nach einer Lösung, aber es gibt keine. Nur eine: Vertrauen, und Liebe. Und so handeln, wie ich es mir von anderen wünsche, und wie ich mir eine Gesellschaft erträume. Das tun, das sich richtig für mich anfühlt. Nicht nur für mich leben.

Das ist mir tatsächlich wichtig, was auch immer kommen sollte: nicht nur für mich leben, oder für meinen Partner, für meine Kinder. Diese Gebilde, die sich am Ende nur noch um sich selbst drehen, die sind mir ein Graus.

Nie habe ich mir vorgestellt, mal zu heiraten oder Kinder zu bekommen. Das war nie mein Wunsch. Und jetzt machen genau das alle um mich herum, und irgendwie langweilt mich das.

Und was will ich jetzt?

Als Kind habe ich in ein Freundschaftsalbum auf die Frage, was ich später mal werden will, geschrieben: Schriftstellerin (und „Malerin“, aber das können wir getrost vergessen). Heute weiß ich nicht, ob ich das schon bin, ob ich erst noch ein „richtiges“ Buch veröffentlichen muss, und ob das überhaupt möglich ist für mich. Die Zweifel kommen nicht von ungefähr, ich habe kein Vorbild, keine Mentorin, stamme aus keiner Familie, in der Künstlerin oder Schriftstellerin jemals eine in Frage kommende Berufswahl gewesen wäre. Vor allem für eine Frau. Aber was soll ich machen, alles, worauf ich immer wieder zurückkomme, ist das Schreiben. Ohne ginge es nicht.

Und schon bin ich wieder zu sehr in meinem Kopf, und die Gedankenwalze zermalmt meine Nerven. Also steige ich aus. Komme zurück zu diesen Sätzen:

Aus dem Sein folgt kein Sollen. Hab Vertrauen, es kommt, wie es kommt (oder, wie es meine Oma immer gesagt hat: Es kimmd, wias kimmd). Es gibt kein Wollen mehr, wenn der Geist ruht. Kehre in dich, werde ganz still, und bemerke deine Freude. Dein Herz hüpft, denn alles ist da, du brauchst nichts.

Und bevor der andere Teil in mir wieder anfängt und schreit, das sei doch nur Gelaber (den Rest lasse ich mal lieber weg), beende ich dieses Zwiegespräch und lege auf.

Gute Nacht.

[Halle, 09.12.2023]

Über Macht

In der dieswöchigen Sonntagspredigt ging es um „Macht“, und bei ein paar Gedankenanstößen hab ich einfach mal weitergedacht.

Wir sollen unsere Macht nutzen und damit Gutes tun. Wir sollen nachdenken: Was liegt in meiner Macht? Wo bin ich „ohnmächtig“? Wo fühle ich mich so und warum? Wir sollen nicht nur reden, sondern auch handeln. Machen. Wie kann ich meine Macht einsetzen? Erstarre ich manchmal in meiner (gefühlten) Ohnmacht? Besonders angesichts der Tragödien der Welt? Tue ich alles in meiner Macht stehende, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Auch wenn wir das Gefühl bekommen, wir sind machtlos, müssen wir uns darauf besinnen, sehr wohl mächtig zu sein: Wir können im „Kleinen“ anfangen und beispielsweise unseren Nächsten helfen, Fremden ein Lächeln schenken usf. – und dadurch einem Menschen den Tag oder sogar das Leben retten.

Wer weiß? Vielleicht hast Du der fremden Frau an der Supermarktkasse durch Deine freundliche Art gezeigt, dass die Welt doch nicht so schlecht ist, wie sie sie gerade empfindet? Oder dem älteren Herren, dem Du den Einkauf nach Hause getragen hast, dass er nicht so einsam ist, wie er sich oft fühlt? Dass es da draußen Hoffnung gibt? Zwei Beispiele für unendlich viele Möglichkeiten.

Hilfst Du einem, hilfst du allen. Und wir müssen es nicht alleine tun. Wir können uns zusammenschließen und gemeinsam für eine Sache eintreten. Nach dem Motto, viele Äste oder Pfeile lassen sich schwerer brechen und so. Wir können verantwortungsbewusst wählen, für eine bessere Zukunft für alle, vor allem diejenigen nach uns, für das Leben, gegen den Hass. Wir können in Dialog treten, aufeinander zugehen, zugeben, nicht alles zu wissen, die Gemeinsamkeiten mit den anderen Menschen sehen, ihr Leiden erkennen.

Wir können das Geld für das Kleid, das wir aus Frust oder Langeweile kaufen wollten, spenden und so einem Kind oder sogar einer Familie mehr als einen Tag lang das Essen finanzieren. Als Beispiel. Jeder Euro zählt, jeder Euro bedeutet in diesem Sinne „Macht“. Macht es nicht Spaß, das Geld, von dem wir oft gar nicht mehr wissen, welchen überflüssigen Kram, mit dem wir unsere Wohnungen vollstellen, für etwas Gutes einzusetzen?

Ich kenne diese Ohnmacht, und je mehr ich von den Krisen der Welt lese, desto größer wird sie, und desto verzweifelter und hilflos werde ich. Aber je mehr ich über die Worte vom Sonntag nachdenke, desto sicherer bin ich: Jede und jeder von uns hat mehr Macht, als wir uns meistens zugestehen. Besonders, wenn wir uns zusammentun und gemeinsam für mehr Solidarität kämpfen, unabhängig von Hautfarbe, Religion und sonstigen Identitätsgrenzen, die uns voneinander fernhalten und uns vergessen lassen, dass wir alle eins sind: Menschen.

Und ist es nicht auch faule Ausrede zu sagen: Ach, was können wir (= in unserer vermeintlich unbedeutenden Rolle) schon ausrichten?

Weil ich schon wieder „kämpfen“ geschrieben habe und doch all die Kriege leid bin: Es muss gar kein „Kampf“ sein (auch wenn sich einige Probleme dieser Welt m.E. nicht ohne Kampf lösen lassen, z.B. durch Arbeitskampf). Viele von uns sind so müde vom persönlichen, alltäglichen Überlebenskampf und/oder von all den Kämpfen dieser Erde, von den allseits schlechten Nachrichten, der gefühlten Hoffnungslosigkeit.

Wo liegt unsere Macht? In unserer Zartheit, in unserer Sensibilität, in unserem Blick für das Schöne, in unserem liebevollen, aufmerksamen, mitfühlenden Miteinander. In einer Bitte um Hilfe, in einem Tag Nichtstun, sich Wehren gegen die immerwährende Geschäftigkeit, geforderte Produktivität, Leistungsbereitschaft. Kampf durch Nichtkämpfen. Durch Liebe schenken, erhalten, Dankbarkeit fühlen. Mir müssen nichts tun, um geliebt zu werden.

An all das, an die Schönheit der Erde und unseres Menschseins, können wir uns gegenseitig erinnern und uns damit Hoffnung schenken. Wir können ein Licht in des anderen Dunkelheit sein – ist das nicht schon „Macht“ genug?


Wo liegt Eurer Meinung nach Eure/unsere „Macht“?


[Halle, 7.11.23]

Schnüre und Scheren

Endlich bin ich aufgewacht. Was für ein Traum.

Mir träumte, ich sei in einem Ich gefangen, das sich ständig im Kreis dreht, Opfer seiner eigenen Gedanken.

Es waren dies keine von der netten Art. Sie flüsterten wie gemeine Mitschüler — ja, lasst euch sagen: Wer flüstert, der lügt und frisst kleine Kinder, wahre Geschichte!

Sie hatten mich an ihren Schnüren, und sie zogen mal hier, mal dort, ich bewegte mich nach ihrem Gusto. Sie ließen mich Mauern bauen und Fluchtwege, und es machte ihnen Spaß, mir beim Fallen zuzuschauen.

Nun bin ich niemand, die hinfällt und liegen bleibt. Immer wieder stehe ich auf, bleibe kurz stehen, bis der Schwindel nachlässt, und gehe dann weiter. Da muss noch was kommen, sage ich dann, weil es mir vorher mein Herz versprach. Das weiß sowieso schon alles früher, nur verrät es das nicht, wäre ja langweilig. Oder vorhersehbar. Ha.

Dieser Traum also. Ich drehte mich im Kreis, meine Gliedmaßen an Schnüre gebunden, und es gab keinen Ausweg.

Doch da entdeckte ich eine Schere, eine Gestalt bot sie mir an. Sie war von jener Art von Traumgestalten, die plötzlich auftauchen, ohne Gesicht, nur verschwommen erkennbar und so schnell wieder verschwunden, dass sie auch aus der Erinnerung leicht entfleuchen.

Mit den ersten durchtrennten Fasern lösten sich die Fäden ganz leicht, als hätten sie nur darauf gewartet, auch von mir erlöst zu werden. Der Aufprall auf den Boden war hart. So hart, dass ich aufwachte.

Wer bin ich ohne diese Schnüre? Die mich gefangen hielten und gleichzeitig Sicherheit boten. Dank denen ich wusste, wohin ich zu gehen hatte, was ich tun sollte. Jetzt bin ich frei. Und nun?

[Halle, 14.09.2020]

Lenas Leitlinien – Teil 1

„Liebe ist die einzige Revolution.“
Krishnamurti

Vor einiger Zeit habe ich begonnen, aufzuschreiben, welche Erkenntnisse mir weiterhelfen. Was mich größer, stärker macht. Ich habe es „Regeln“ und „Gebote“ genannt, aber „Leitlinien“ finde ich gerade am besten. „Erinnerungen“ würde auch passen, denn die Sätze erinnern mich wortwörtlich daran, dass viele meiner Probleme kleiner sind oder von vornherein gar nicht existieren, zumindest nicht mit der richtigen Blickweise. „Erinnern“ würde auch im Platonschen Sinne passen, denn schließlich erinnere ich mich daran, was ich eigentlich schon wusste. Wenn es mir mal schlecht geht oder ich in meinem Gedankenstrudel zu versinken drohe, lese ich mir diese Leitlinien durch und schon verschwindet das Problem oder wird zumindest bedeutend kleiner.

Es kommt wirklich auf die Einstellung und den Blickwinkel an. Nicht umsonst fragt man auch bei Kameras: Wie ist sie eingestellt? Je nach Einstellung sieht man nur bestimmte Dinge, niemals alle.

Und ja: Auch wenn ich diese Erkenntnisse hatte, heißt das nicht, ich hätte sie auch verinnerlicht. Du musst eine Bewegung tausend Mal machen, bevor du sie automatisch durchführst. So sagte einmal mein Selbstverteidigungslehrer, und ich denke, das gilt auch für die folgenden Sätze. Du kannst dein Gehirn dazu bringen, dich anders zu bewegen, anders zu sehen, anders zu denken. Aber du musst dafür trainieren: dich hinausbegeben, immer wieder Fehler begehen, eigene Erfahrungen sammeln, die selben Sätze wiederholen, bis du sie im Schlaf beherrschst. Nur dann werden sie eines Tages automatisch abgespielt, wenn du sie brauchst.


Lenas Leitlinien

Vergleiche dich mit nichts und niemandem mehr. Dann gibt es keinen Komparativ oder Superlativ mehr, kein Besser, Schlechter, Schöner, Dicker, Dünner, Reicher – es gibt dich und die anderen und ihr alle seid eins. Die Vergleiche, die mit dir angestellt werden, die dich benoten und bewerten – sei dir bewusst, dass sie von außen kommen und nichts über deinen tatsächlichen Wert (der nicht messbar ist) aussagen. Dieses System lebt vom Vergleich.

Glaube niemals deinem Gedanken, dass es andere „besser“ als du haben, nur weil du z.B. Videos und Fotos von ihnen siehst, auf denen sie scheinbar eine gute Zeit haben. Jedem Menschen ist eine Aufgabe mitgegeben, jeder Mensch hat etwas zu lösen, für manche ist es der tägliche Kampf des Überlebens, andere, vor allem in unserer Wohlstandswelt, haben eher innere Probleme. Niemand hat ein perfektes Leben, jeder hat mit etwas zu kämpfen, sei es im Innen oder Außen.

Immer dann, wenn dich Neid oder Eifersucht überkommen, wende sie ins Gegenteil: Freue dich für den anderen – ihr seid Teile eines größeren Ganzen, also kannst du auch seine Freude spüren.

Immer wenn Hass, Zorn, Wut dich überkommen, gehe zurück in dein Herz, umarme und liebe den Teil in dir, der diese Gefühle in dir verursacht.

Immer wenn dich negative Gedanken zu übermannen drohen, wende sie ins Gegenteil: Alles ist gut, alles wird gut, hab Vertrauen, besinne dich auf die Liebe in dir.

Wenn dich die Angst überfällt, lass sie dein Herz nicht verschließen. Angst kommt von eng, engst, alles wird eng und zieht sich zusammen. Mach dein Herz weit auf, streck die Arme aus, umarme das Unbekannte, denn das ist das Leben.

tbc.


P.S.: Ich erweitere meine Leitlinien ständig. Manchmal kommen zu alten Erkenntnissen neue hinzu, manchmal ändern sich die alten. Letzteres versuche ich allerdings zu verhindern, indem ich die Leitlinien so radikal wie möglich denke und formuliere. Vielleicht habt ihr ja ähnliche Sätze? Oder zusätzliche? Und: Wie ihr an der Überschrift schon erkennen konntet, folgt ein zweiter (vielleicht ja sogar ein dritter?) Teil, will ja nicht sofort alles verraten. Bin gespannt auf euer Feedback.