Der Ameisenbau

Im Wettbewerb der Länder war dasjenige im Vorteil, dessen Einwohner sich gleich Ameisen verhielten, die ihrer Königin und nur dieser zu Diensten waren und sonst keinem. Die deren Erzählungen verinnerlicht hatten, ihre Strenge für gut hießen und die kopflos arbeiteten, damit im Ameisenbau alles reibungslos funktionierte.

Niemand klagte über das strenge Regime der Königin, und wenn doch, hatte er Konsequenzen zu fürchten. Die Gemeinschaft, das Kollektiv war das, was zählte, und jeder hatte seinen Beitrag zu leisten. In einem riesigen Bau war es zu verschmerzen, hin und wieder ein paar Bewohner zu verlieren. Ja, es war gar nicht anders möglich.

Das größere Ganze stand im Fokus, und das war der Erhalt und die Vergrößerung des Ameisenbaus.

Nun musste es sich bei der Königin nicht um eine Person handeln, es konnte auch eine Erzählung sein, an die alle glaubten. Sei es die der Vorfahren, sei es die Schaffenskraft und Produktivität des Kollektivs, sei es das persönliche Glück.

Die Bewohner brauchten etwas, woran sie glauben konnten, um zu funktionieren und das System zu erhalten.

(Halle, 15.11.20)

Stillstand

Das ist der Stillstand, den ich so dringend benötigte. Er wurde mir gegeben, und jetzt habe ich die Chance, tief in mich zu gehen und mich wiederzufinden.

Eine Pause, in der ich nicht mehr so einfach nach außen fliehen kann, in der ich mich mit mir selbst beschäftigen muss. Oder müsste, würde nicht für allerlei Ablenkung auch in meinem eigenen Zuhause gesorgt.
Jetzt ist die Pause, in der ich mit mir selbst ins Reine kommen kann, in der ich die Revolution in meinem Kopf und Körper ins Rollen bringen kann, die die ganze Welt mit sich reißt.

Zu lange haben wir uns wie Blutegel vom System ernährt, konkret von der jahrhundertelangen Ausbeutung Anderer, die bis heute andauert oder deren Folgen immer spürbarer werden. Raubbau für unseren täglich Komfort und Überfluss, für unsere Verschwendungssucht. Immer mehr schneller billiger hat Konsequenzen. Braucht es das alles?

Jetzt merken wir, was wirklich wichtig ist: Familie, Freunde, Menschen an sich, Kontakt mit diesen, Gemeinschaft. Nicht das Feiern, das uns doch nur in einen anderen Zustand versetzte, weil wir das Hier und Jetzt und uns selbst vergessen wollten. Weil wir Einssein wollten, und uns jahrhundertelang vorgegaukelt wurde, dass dies mit Mitteln einfacher und echter wird. Vielleicht ist es das auch, zumindest kurz, weil wir verlernt haben, ohne diese Mittel wir selbst zu sein oder uns mal eben selbst zu vergessen.

Wir brauchen nicht noch ein Auto, nicht noch ein technisches Gerät, nicht noch mehr Klamotten, die wir ein oder zwei Mal oder gar nicht tragen. Wir brauchen all das, was wir uns selbst erzählen, dass wir es brauchen, nicht.

Ich kann jetzt nicht mehr einmal um die ganze Welt vor mir selber fliehen, sondern bin gezwungen, mich mit meiner direkten Umgebung auseinandersetzen. Wer sind eigentlich meine Nachbarn? Mit wem wohne ich da zusammen? Kenne ich den Menschen, der neben mir sitzt? Was wollte ich eigentlich schon immer oder lange tun, aber irgendwas kam immer dazwischen?

Dieser Stillstand ist eine Prüfung: Kann ich solidarisch sein, kann ich menschlich sein, habe ich mich so weit unter Kontrolle, dass ich eine Zeit lang mich selbst zurückstelle und Rücksicht nehme, um andere, aber auch mich selbst zu schützen? Schaffen wir es, unser Innen und Außen so zu verändern, dass wir auch weiterhin hier leben können?

Diese Welt steht vor einem Umbruch, und es ist an uns zu entscheiden, ob wir daran aktiv mitwirken oder er über uns hereinbricht.

herbst

Der liebevolle Blick aus
müden, braunen Augen
zärtlich auf mich gerichtet.

Seine noch jungen Arme,
sein fein geschnittenes Gesicht.

Seine Augen sahen schon zu viel
für ein Leben und
damals mich an,
voll der Liebe
und doch schon mit einem Hauch der Wehmut.

Der Liebe Wert

Wäre sich jeder Mensch seines Wertes bewusst, könnte das Geschäft mit der Liebe nicht so florieren.

Wir sind noch nicht gut genug, wird uns erzählt. Wir müssen uns optimieren, um die Liebe unseres Lebens zu finden. Müssen uns selber lieben lernen, am besten in teuren Seminaren und „Retreats“; müssen „heilen“, müssen Sport machen, müssen gesund essen – das entsprechende Zubehör gibt’s im nächsten Laden um die Ecke.

Natürlich machen wir das alles zunächst nur für uns selbst, wird uns erzählt – aber ob das auch die meisten tief in ihrem Inneren glauben?

Die Kapitalisierung der Liebe funktioniert reibungslos.

(22.07.19)

Umfallende Ziegen

Beim Gedanken an diese Geschichte frieren meine Finger ein, alles in mir wehrt sich schon bei der Vorstellung meines Stifts auf Papier. Wie gelähmt bin ich, kann das Bild in meinem Herzen nicht nach draußen tragen. Ist es vielleicht schon zu perfekt in meinem Kopf, so dass mich die Angst vor Nichterfüllung der eigenen Erwartungen hindert?

Ich habe jetzt einen Plan, und er sieht gut aus, doch an der Umsetzung hapert‘s. In meiner Vorstellung das ganze Buch, auf meinem Schreibtisch ein leeres Blatt. Im Moment zu viel zu tun, andere Schreibprojekte zu erledigen, nicht die beste Arbeitsatmosphäre, zu viele Menschen um mich herum – die Liste meiner Gewissensberuhigungen ist lang.

Wie besiege ich meine Blockade?

Der Kopf im Helm

Mir träumte:

Ein ganzes Abenteuer entspann sich um die Bushaltestelle in meinem Heimatdorf. Nicht mehr viel erinnere ich, und doch war der Boss der Bösen am Ende jemand, den ich kannte, fürchtete, vielleicht aber auch eine rein fiktionale Figur. Er offenbarte sich als ein Kopf, der plötzlich oben an der Wand auftauchte, geschützt von einem Helm, der ihn ohne Körper leben ließ. Er war es, der die „Bösen“ in diesem Abenteuer befehligt hatte, und nun erschien er wie der Endboss in einem Videospiel. Er strahlte das Böse aus, und selbst im Schlaf spürte ich meine Gänsehaut.

Ich weiss nicht mehr, was er sprach, vermutlich lachte er ein grauenvolles Harrharr und erklärte seine Vorgehensweise, mit der er uns nun besiegt hatte. Da ergriff ich einen Stein, und schlug mit dessen spitzer Kante so fest es ging auf seinen Helm.

Ich schrie: So hilft mir doch einer! Aber es kam keiner, und so schlug ich immer fester, bis das Glas zersprang. Der Kopf darin schnappte wie ein Fisch ausserhalb des Wassers, er schnappte nach seiner Luft, doch sie war dem Helm entwichen.

Kurz bevor ich aufwachte, hörte ich noch ein Geräusch, wie wenn aus einem Luftballon die Luft entweicht und er kleiner werdend davon fliegt. Der Kopf war zusammengeschrumpft und der Helm fiel zu Boden, als wäre nie etwas geschehen.

Ein Helm liegt an einer Bushaltestelle. Die Stämme der Bäume nebenan sind bunt bestrichen. Ich fahre nachhause…

Raffiniertheit

— Im Laufe der Jahrzehnte erfanden die Tribune der Stadt immer neue Wege, die Menschen in Schach zu halten. Sie wollten ihre Energien niedrig halten, die sie eventuell zu Revolutionen, zu Aufständen getrieben hätten. Sie wollten ihr Geld und demnach auch ihre Macht vermehren, indem sie die Bewohner der Stadt durch raffinierte Tricks dahin lenkten, wohin sie sie haben wollten. Und das war vor allem mehr, länger, allumfassendere Macht. Macht durch Einfluss, Macht durch Wissen.

Wie aber beeinflussten sie die Menschen? Woher wussten sie, was diese wollten, und wie brachten sie sie dazu, genau das zu wollen und zu kaufen, was sie ihnen verkaufen wollten?

Es waren viele Schritte nötig, um die Bewohner zu dem zu machen, was sie heute sind. Eine wehrlose, apathische, gleichgültige Masse, die funktioniert und gleichzeitig — das ist ja das Perfide und Geniale an der Sache — davon überzeugt ist, nach ihrem „freien Willen“ zu handeln. Das geht ja bisweilen sogar so weit, dass Menschen, die kapiert haben, was wirklich vor sich geht, noch so intensiv und überzeugend darlegen können, was Sache ist — niemand will wirklich auf seinen Komfort verzichten, alle glauben lieber das, was bequem ist und nichts an ihrer doch eigentlich ganz angenehmen Situation ändert.

— Das klingt wie ein Märchen, aber ein sehr gruseliges. Welchen Zaubertrick haben die Tribune denn da bitte angewandt?

— Nun, nachdem man die Technologie endlich soweit hatte, gab es ein paar Firmen, die sich besonders raffinierte Tricks ausgedacht hatten, was ihnen bald die Leitung der Technologiesektion einbrachte. Man kann ihnen eigentlich nicht vorwerfen, die allein Schuldigen zu sein, die „Teufel“ der Gegenwart, denn sie handelten ja nicht anders als von den Machthabern gewollt. Sie handelten nach den Vorgaben des Systems, das nach Geld schreit und dessen Motor die Werbung ist. Das die Psyche der Menschen durch und durch kennt und sie manipuliert. Die Grundbedürfnisse des Menschen wurden tatsächlich noch nie so intensiv beeinflusst wie in der Gegenwart, ich nenne es Phase 4 oder Endphase der Technologieentwicklung, wobei es wahrscheinlich noch mehr Endphasen geben wird, was ich mir heute nur noch nicht vorstellen kann. Das, was wir bisher fiktionale Wissenschaft nannten, setzten die Menschen früher oder später in Realität um.

— A la „was ich sehen kann, kann auch wahr werden“.

— Ganz genau so. Der ein oder andere Autor sah in der Vergangenheit Technik und Systeme, er schrieb über diese Utopien oder Dystopien — meistens ja eher Dystopien — und wer weiß, vielleicht träumten diese Autoren davon? Oder sie hatten einfach eine sehr lebendige Phantasie, oder Visionen. Naja, und heute, schauen wir uns doch um, heute ist das alles Realität. Wir leben mittendrin.

— Puh. Kann das bitte nicht doch ein Märchen sein? Ein Traum? Das macht mich so mutlos. Und ohnmächtig. Und wütend. Und hilflos.

Sagte sie, kurz vor der Verzweiflung und gleichzeitig so entschlossen wie nie. Sie wusste denn tief in ihr, dass er die Wahrheit sprach, gerade, weil seine Worte so weh taten.

— Der einzige Ausweg ist, und das schrieb schon einer dieser Autoren damals, die Revolution in unseren Köpfen und Körpern. Eine Revolution, die mit der Suche nach dem Unterirdischen See beginnt, eine Suche, auf die sich jeder allein begeben muss, nur Hinweise, Erfahrungsberichte, Ratschläge darf man mitnehmen. Du weißt aber hoffentlich auch: Du bist niemals wirklich „allein“.

So, ich glaube, ich habe sowieso schon zu viel verraten, sie werden wohl bald kommen und mich holen…

— Aber sag doch bitte noch, wo soll ich anfangen? Wo soll ich hingehen? Wie kann ich den See finden? Irgendwelche Tipps?

Panisch überlegte sie sich noch mehr Fragen, die sie auf die Schnelle stellen konnte.

— Woher weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin? Oder auf dem falschen? Woher weiß ich, wem ich trauen kann und wem nicht? Warum gerade ich?

Doch er lachte nur laut auf, als hätte sie einen besonders guten Witz erzählt, und schaute dann wieder sehr ernst.

Tat twam asi, meine Liebe. Alles bist du, alles ist in dir. Wie lautete noch gleich dieses Gedicht?

Wie diese Geschichte erzählen?

Alles begann in dieser Stadt. Hier hatte ich schon hunderte von Leben gelebt. Immer wieder von vorne angefangen, dazu oder nichts gelernt, Fehler gemacht, geliebt, gelitten.
Jedes Leben eine neue Chance.
Eine Chance auf was? Aus den eigenen Fehlern zu lernen, gut zu handeln, ein guter Mensch zu sein? Auszubrechen aus dem ewigen Kreislauf? Es hinüber ans andere Ende schaffen?
Vielleicht, vielleicht nicht.
Immer wieder also hatte mich das Leben in diese Stadt zurückgeführt. Die letzten Leben allerdings waren die Hölle. Das weiß ich noch, verschwommene Bilder davon quälen mich nachts, das meiste aber habe ich verdrängt.
Kein Wunder, dass ich mich quergelegt hatte, als das Leben mich aus dem Bauch meiner Mutter rief. Nein, wieso diese wohlige warme Höhle verlassen, wenn ich hier doch alles hatte? Doch es rief mich unerbittlich, und die Menschen da draußen hatten beschlossen, mir die vermeintliche Wahl abzunehmen. Vielleicht hatten sie auch eine Vorahnung, wie wichtig dieses Leben für mich werden sollte.
Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

Nun ist es in dieser Stadt nicht leicht, dem für dich bestimmten Weg zu folgen. Zu viel Ablenkung begegnete mir, und schon sehr früh vernahm ich jene Stimmen, die mich immer wieder vom Weg abbringen wollten. Sirenen, die mich riefen, bis ich an ihrem Felsen zerschellte. Am Meeresboden in tausend Teilen schwimmend, hatte ich dann nur die Wahl zwischen aufgeben und davon treiben lassen — oder aktiv alles daran setzen, wieder auf meine Spur zurückzukehren.
Wie unschwer erkennbar ist allein an der Tatsache, dass ich gerade diese Geschichte erzähle, habe ich es geschafft. Auf welche Weise dies geschah, versuche ich hiermit zu rekonstruieren. Im Nachhinein ergibt zwar alles einen Sinn, in jenen Momenten meistens jedoch nicht. Ich werde so gut es geht versuchen, meine Erlebnisse zu erzählen, ohne zu viel aus dem Jetzt hineinzuinterpretieren. Auch wenn, und das muss ich gleich erwähnen, alles, was ich hier schreibe, allein meiner Wahrheit entstammt, und jede Geschichte sogleich eine Interpretation dieser ist.

Natürlich hängt alles zusammen, doch fällt es mir schwer, zwischen den einzelnen Episoden einen stringenten Zusammenhang zu ziehen. Manchmal geschieht etwas einfach, weil es geschehen soll, und nicht, weil es einen bestimmten Grund dafür gibt. Obwohl dies natürlich schon Grund genug ist. Lange habe ich überlegt, wie diese Geschichte zu erzählen ist, aber sie ist wie alle komplexen Dinge aus vielen Einzelteilen bestehend, aus Begegnungen, Augenblicken, Jahrzehnten, die nur schwer in Verbindung zu bringen sind und doch zusammen gehören.

Wie könnte ich mir anmaßen, ein so komplexes Leben auf ein paar in eine Reihenfolge gebrachte Ereignisse zu reduzieren, wenn doch vielleicht alles gleichzeitig stattgefunden hat, oder sogar mit Jahrhunderten von Jahren Entfernung? Wer bin ich mir anzumaßen, eine solche Geschichte zu erzählen, die die Leserschaft zum Schluss führt, alles müsse in einer bestimmten Reihenfolge geschehen, an der sie sich ab jenem Moment messen?