Jedoch dann gerade vergleicht man sich…

…wenn niemand er selbst ist, als der er vielmehr unvergleichbar wäre.

Das ist zur Zeit einer meiner Lieblingssätze von Karl Jaspers. Er trifft den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf. Wobei über das „er selbst sein“ stundenlange philosophische Diskussionen geführt und ganze Bibliotheken gefüllt werden könnten. Doch es geht mir bei diesem Satz um das Vergleichen (und das „unvergleichbar“).

Etwas, das wir von Grund auf lernen, mit dem wir aufwachsen. Beim Vergleich mit den jüngeren oder älteren Geschwistern – an welcher Stelle der Geburtenfolge, also ob als erstes, mittleres, jüngstes Kind, man zur Welt kommt, kann das Leben prägen. Wenn nicht im Kontakt mit Familienmitgliedern, dann spätestens im Kindergarten, im ersten Kontakt mit Gleichaltrigen. Schon Kindergartenkinder übernehmen oft die Maßstäbe, die sie bei ihren Eltern hören, mit denen im schlimmsten Fall sie selbst oder die Nachbarn, Bekannten, Verwandten, Fremde gemessen werden. Ohne überhaupt schon zu verstehen, was sie sagen, setzen sie die Messlatte an sich selbst und andere an.

In der Grundschule dann bewerten Erwachsene Kinder das erste Mal über Noten in den verschiedenen Fächern und im Verhalten, und reduzieren sie dadurch zu einer Statistik, zur reinen Messbarkeit. Wieder sind es oft nicht die Kinder, die sich von sich aus untereinander messen und vergleichen, es sind deren Eltern und die Gesellschaft, welche vorschreibt, dass ein Kind auf jeden Fall Abitur machen muss – komme was wolle, und wenn es noch so viele Nachhilfestunden benötigt – damit es überhaupt eine Chance am Arbeitsmarkt hat. Das Kind an sich, mit seinen Interessen und Talenten, wird nicht mehr gesehen, nur dessen Noten, die Währung an Schulen, Zeugnisse als „Jahreseinkommen“ von Schülern.

Irgendwann kommen zu den institutionellen Zensuren die der Gesellschaft hinzu. Plötzlich ist es wichtig, wie viel Du wiegst, welche Klamotten Du trägst, mit wem Du Deine Freizeit verbringst. Diese Quantifizierung würde schon in Schule, Uni, Arbeit genügen. Durch das Internet muss man sich jetzt nicht mehr nur mit Mitschülern und Kollegen messen, sondern mit der ganzen Welt. Wer bist Du schon, wenn Du nicht mindestens einmal in der Woche an einem „insta worthy“ Ort bist, wenn Du nicht um die ganze Welt jettest und Dich an den schönsten Stränden und in den schönsten Städten ablichten lässt, wenn Du keine zehntausend „Follower“ hast, die sich an Deinen langen Beinen in kurzen Shorts, an Deinen perfekten Augenbrauen oder Deinen langen Haaren ergötzen? Wer bist Du denn eigentlich, wenn Du nicht dem Bild entsprichst, das Medien und Internet anpreisen? Um nicht von den „westlichen“ Maßstäben zu sprechen, die am Ende unter anderem Frauen in Afrika oder Asien dazu bringen, ihre Haut mit giftigen chemischen Mitteln zu bleichen, „weißer“ zu machen.

Es gibt zum Glück schon genügend Initiativen, die dieser Diktatur widersprechen, die (vor allem Frauen) ermutigen, zu sich selbst zu stehen, zu jeder ihrer Formen und Farben. Es ist also nicht aller Tage Abend, könnte man nun sagen. Und doch machen soziale Netzwerke im Internet nichts anderes, als uns zu quantifizieren, uns zu Details einer Statistik und zu messbarem Analysematerial zu reduzieren. Mag sein, dass sich manche erst in diesem künstlich erzeugten, virtuellen Raum ausleben können – gute wie schlechte Facetten – dass dies letztlich eine Aushöhlung ihres Selbst, eine „Entseelung“, bedeutet, ist den wenigsten klar.

Würden wir alle diese künstlichen Maßstäbe, die uns von Geburt an angelegt werden, all die Muster, Stempel, Schubladen, Kategorien, Identitäten, ablegen – wir wären frei, und das System, das sich von Quantifizierung ernährt, müsste verhungern.

Die „sozialen Netzwerke“ im Internet sind gleichzeitig Folge und Katalysator dieses Systems. Egal wie diese in Zukunft heißen werden – verschwinden werden sie erst mit dem Zusammenbruch der Messbarkeit, die irgendwann Kapitalismus genannt wurde.

Es ist dies eine seltsames, ja schizophren nennbares Medium, dieses „Internet“. Es liegt darin so viel Potential begründet, die Menschen zu vernetzen, sie für wichtige Dinge zu vereinen. Trotz aller Nachteile und begründeten Bedenken birgt es unglaubliche Möglichkeiten – es fehlt nur noch die alle vereinende Botschaft.

Halle, 27.04.2019

Die Stimmen

Die vielen Stimmen in meinem Kopf schreien manchmal alle durcheinander, alle zur selben Zeit. Wer schreit da?

Die eine Stimme heißt sich die Vernunft, die mir immer wieder mit erhobenem Zeigefinger einflüstert, manche Dinge doch lieber sein zu lassen. „L., sei vernünftig, nicht so emotional, nicht so impulsiv, du kannst nicht immer nach deinem Herzen oder Bauch handeln, manchmal muss man einfach vernünftig sein. Schau mich an, was aus mir geworden ist, das wär‘ ich nicht, hätt‘ ich unvernünftig gehandelt. Werd doch endlich mal vernünftig, Mädchen!“

Die andere ist die Zweiflerin, bestehend aus einer Mixtur aus Stimmen meiner Vergangenheit, die hinter meinem Rücken zischend auf meine Unfähigkeit hinweist, auf meine Inkompetenz, die sowohl Intelligenz als auch Soziales betrifft. „Versuch es erst gar nicht, L., sie werden dich sowieso nur komisch finden, schau dich doch mal an, du Heuchlerin, du Schwindlerin, du Möchtegern! Bleib lieber in deinem gewohnten Umfeld, denk‘ nicht zu groß, denn warum solltest gerade du unter allen ach so talentierten Menschen dieser Erde das vollbringen und das sein, was du dir da ausmalst. Träumereien sind das, nichts weiter. Wer hat dir nur solche Dinge eingeflüstert, warum maßt du dir so etwas an? Sei still, fall‘ nicht auf, damit die Leute nicht merken, wie komisch du doch eigentlich bist.“

Dann ist da die Brave, der die Ohren nur so dröhnen von den trompetenden Durchsagen der gesellschaftlichen Erwartungen, den „Traditionen“, all den durchgeplanten Lebensentwürfen, die die Architekten der letzten Jahrhunderte in die Köpfe der Menschen gezeichnet hatten. Die Großmutter der Mutter der Tochter weitergibt, weil es keine Alternative zu geben scheint, und weil es sehr schwer ist, ein ins verborgenste Innere eingebranntes Bild zu entfernen. Ihre Hormone spielten bestimmt auch eine Rolle, sie waren eine unterbewusste Stimme der Braven, die dann und wann Gehör finden wollten und es auch fanden. „L., es wird Zeit, wenn du irgendwann Familie haben willst, dann solltest du dir jetzt endlich mal einen Mann finden, mit dem du dann auch Kinder zeugen kannst. Dafür bräuchtest du aber eh zunächst ein geregeltes Leben, sieh dich doch mal an, lebst in einer 4er-WG, keinerlei Verbindlichkeiten, keinen richtigen Job – Doktorarbeit, really? Ist doch nur ne Ausrede, um nicht arbeiten zu müssen. Wie willst du irgendwann alles unter einen Hut bekommen? Karriere, Kinder, Mann – fang am besten jetzt schon an. Nur wo, und vor allem wie?“ Schweiß, Panik, rufe Oma an.

Die vierte, oft viel zu laute Stimme ist: „der Misanthrop“. Sie ist die, die mich die Menschen hassen lässt, die den Ekel auslöst vor der Menschheit, die mich manchmal so fremd fühlen lässt auf diesem Planeten, wie ein Außerirdischer, fehl am Platz in einem viel zu engen Kostüm. Sie ist das Zischeln in meinem Ohr, das von Zeit zu Zeit mein Handeln motiviert, welches am Ende Menschen traurig, verletzt, verwirrt zurücklässt. Sie ist das Böse: Wer die Menschen hasst, wird sie niemals liebevoll behandeln. Kausal motiviertes Tun hinterlässt Opfer. Den Anderen für seine Ziele benutzen und dann wegwerfen, das war ihr liebstes Hobby. Wen kümmerte es schon, wenn die anderen doch eh verachtenswert und widerwärtig waren? Keinen wertvollen Gedanken und schon gar keine Energie wert. Das war „der Misanthrop“. Grausam, und doch wie ein guter Freund, mit dem man sich eine Zeit lang sehr wohl fühlen kann, weil er dir schmeichelt, weil er dich dazugehörig fühlen lässt zu einem geheimen Club, nur um dich am Ende leer und abhängig, benutzt und beschmutzt zurückzulassen.

Diese Stimmen sind ein Grund, warum ich mich im Wald am wohlsten fühle. Dort werden sie eins, dort werde ich eins. Keine anderen Geräusche als die des Windes, der durch die Blätter der majestätischen Bäume fährt, und das Rauschen des Flusses, der ein paar Meter weiter oben eine Staustufe überwindet und hier langsam wieder zur Ruhe kommt. Keine Gesellschaft außer der des Waldes, vor der ich eine Rolle spielen, vor der ich mein Ego definieren muss. Sie waren auch der Grund dafür, dass das Morgengrauen und die Abenddämmerung zu meinen liebsten Tageszeiten gehörten. Am Morgen lagen die meisten Menschen noch im Tiefschlaf, seelenruhig in Höhen fliegend, bevor der knallharte Weckerton sie auf den Boden der Alltagstatsachen krachen ließ und sie in ihrem Hamsterrad langsam wieder einen Fuß vor den nächsten setzten. Abends dann, die Lichter flackerten in den alten Straßenlaternen in meinem Viertel, die Sonne ging unter und die Wohnzimmerbeleuchtungen an, war es eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, durch die Straßen zu schlendern und in die Häuser der Menschen zu blicken. Auch dann fühlte ich mich eins, wenn sonst kaum jemand auf den Straßen unterwegs war (und dies war vor allem im Winter und Herbst der Fall), obwohl in manchen dieser Situationen „der Misanthrop“ Gehör zu bekommen versuchte.

Jetzt, wo ich endlich erkannt habe, dass es diese verschiedenen Stimmen in mir gibt, haben sie immer weniger Macht über mich. Ich liebe alle davon, immerhin sind sie ein Teil von mir und stehen für all das, was ich erlebt habe, und alle diejenigen, denen ich begegnet bin. Ich spreche mit ihnen, höre und rede ihnen gut zu, wie ein paar gute alte Freunde, die ich allerdings durchschaut habe, und die mich langsam beginnen zu langweilen – immer dieselbe Leier.

Kommt her, ich lad‘ euch ein. Erzählt mir eure Geschichten, damit ich euch besser kennenlernen kann. Erzählt mir alles, was euch bewegt. Ich mag gute Geschichten, die traurigen wie die spannenden wie die schönen und lustigen. Kommt doch her und setzt euch.

Hüter des Ingwer

Hüter des Ingwer, werden wir genannt. Aus dem ganzen Erdkreis kamen wir zusammen, um in dieser Stadt uns zu vereinen. Wir waren geboren aus dem Ingwer, und zum Ingwer kehren wir zurück, wenn unsere Sache hier erledigt ist.

Wir hüten den heiligen Ingwer, die Wurzel allen Glückes. So steht es geschrieben in der heiligen Ingwerschrift, die uns zuteil ward durch Ingbert, den Großen. Eine Regel in diesen Schriften lautet zum Beispiel: Würze nie mit etwas anderem als Ingwer. Oder: Trinke nie etwas anderes als Ingwer. Oder: Begehre nie eines Anderen
Ingwer. Und so fort.

Daher ist es mir leider nicht möglich, dich hier und jetzt zur Frau zu nehmen, da du nicht eine von uns bist. Desweiteren übernehme ich in zwei Tagen eine Charakterrolle, die ich fünf Jahre spielen darf. Wir können uns dann nicht mehr kennen, denn ich habe dich als dieser dann ja nie kennengelernt.

Der falsche Zeitpunkt, der uns zusammenführte, wird uns auch wieder trennen. Der Ingwer sei mit dir, mein Mädchen, also sei nicht traurig

(Ein Traum, Mitte September 2017)

Gedanken einer Introvertierten

Freiheit, das klingt gut und nett. Herr und Frau Freiheit, von und zu. Was machen die beiden? Sie liegen auf einem Steg am Chiemsee, morgens um halb sechs, eingewickelt in ihren warmen Schlafsack, der Blick wandert von den noch in grauen Dunst gehüllten nahen Bergen hin zu den ersten Sonnenstrahlen, die ihr müdes Gesicht wach kitzeln. Sie springen nackt in einen See in Halle, schwimmen ohne jegliche Last in diesem klaren, kühlen Nass, keine Menschenseele ist in der Nähe – und wenn doch, egal. Sie strecken ihren Kopf aus dem Fenster eines fahrenden Zugs, ihre Haare wehen im Fahrtwind, sie tanzen mit nackten Füßen auf dem staubigen Boden eines Festivals zu Musik, deren Bass ihr neuer Herzrhythmus ist und sie in der Seele berührt, sie laufen durch einen wunderschön aussehenden und duftenden Wald, feine Sonnenstrahlen berühren den moosigen Boden einer Lichtung, jeden Moment könnte ein Fabelwesen oder doch nur ein zartes Rehlein erscheinen, kein Geräusch außer das ferne Grüßen eines Kuckucks.

Frau Freiheit genießt diese Momente, in denen sie ganz sie selbst sein kann, was sie daran merkt, dass sich in ihrem Herzen ein wohliges Gefühl der Wärme ausbreitet, dass sie nur noch lachen und grinsen kann, dass sie es am liebsten hinausschreien will, manchmal hinausstöhnen, das reinste Glück.

In vielen Momenten in ihrem Leben nämlich fühlt sie sich in ihrer natürlichen Art, welche da ist frei zu sein, eingeschränkt, ja gar bedroht.

Sie fragt sich denn auch, wie manche Menschen von sich behaupten können, ihre Kinder zu sein, und doch sind sie es noch längst nicht. Um ihr Kind zu werden, bedarf es zunächst einer gewissen Veranlagung. Sie hat sich einige Dinge überlegt, derer es bedarf, da sie ja immerhin die Hüterin zur nächsten Stufe ist, ein Geheimnis, das viele nur vom Hörensagen kennen und die meisten erst nach vielen Leben erreichen.

Eine weitere Voraussetzung zur Adoption ist, dass sich der Interessent mit seinem tiefsten Innern auseinandersetzt: mit allem, was ihn geprägt hat, was ihn ausmacht, jegliche Muster, Verhaltens- und Sichtweisen, jegliche Ideologien, jegliche Post-its am Spiegel seiner Seele. Hat er sich von diesen befreit, kann er erkennen: filterlos.

Derweil gibt es jedoch oft diejenigen, die zu Frau Freiheit kommen, in ihrem unverrückbaren Glauben an ihre Filterlosigkeit, ein in Stein gemeißeltes Selbstbewusstsein, und fordern ihre Adoption ein. Oft sind dies diejenigen, die auf einem Auge blind sind, ihr Blick getrübt für das, was vor ihnen – oder besser – in ihnen stattfindet. Sie schaffen es bis zu einem riesigen Vorhang, der ihnen vorgaukelt, die Tür, der Zugang zu sein, und sie wähnen sich am Ziel. Sie lassen sich vor dem vermeintlichen Tore nieder, wartend auf ihre Zutrittserlaubnis, die ihnen ihrer Meinung nach gewiss sei. Doch es ist ein Vorhang, und dahinter ist noch einmal ein steiniger und langer Weg, ehe man es zum eigentlichen Tor schafft. Zu diesem hat nur Frau Freiheit Zugang, nur sie besitzt den Schlüssel, und nur sie erkennt ihre wahrhaftigen Kinder. Und nur diese lässt sie hinein.

(Halle, 04.04.2019)


	

Anti-Welt

Irgendetwas stimmte nicht. Und die Menschen wussten es, und wollten es doch nicht sehen. Lieber flohen sie hinein, in die andere, bessere Welt. In der sie sein konnten, wer sie wollten, in der sie sagen konnten, was sie wollten, und auch – in der sie tun konnten, was sie wollten. Frei sein von allem, das war in der langweiligen Wirklichkeit mit 0815- und seventofive-Job, mit Hamsterrad und der bedrückenden Last der Dinge nicht möglich. Oder? Niemand gab mehr vor, was man glauben, tun und lassen sollte, niemand urteilte mehr ob der moralischen Zweifelhaftigkeit unseres Tuns. Aber waren wir wirklich frei?

In der Gegen-Welt des Internets, ja, da dachten wir, wir wären es. Anstatt uns Gedanken zu machen, wie wir im Hier und Jetzt, in unseren Köpfen und Herzen wirklich frei werden könnten – redete man uns ein, in der alternativen Realität, die längst regiert wurde von der kapitalistischen Perfidie, könnten wir zumindest online alles haben, was wir uns wünschten, und dieses Glück würde sich dann auch auf die analoge Welt übertragen. Teilweise konnten wir bald nicht mehr unterscheiden, welche Welt echt und welche doch nur fiktiv war. Waren wir nun auch in Wirklichkeit so, wie wir uns in der alternativen Wirklichkeit darstellten? Mussten wir ja irgendwo, oder, warum sollten wir sonst tun, was wir taten?

Diejenigen, die vor den Gefahren warnten oder sich der anderen Welt verschlossen, hielten wir für verrückt, nicht zeitgemäß oder nickten mit ernsten Gesichtern, die Schultern nach oben ziehend, was konnten wir schon tun gegen den Lauf der Dinge, gegen die Großen? Es gab keinen Ausweg, nein, es gab kein Hilfsmittel gegen unsere Bequemlichkeit, die schon immer ein Motor des Fortschritts gewesen war. Warum sonst sollte der Mensch auch etwas erfinden, wenn nicht zum Wohle der Menschheit? Alle Welt wollte die Technologie, den Fortschritt, mit denen die westlichen Industrienationen voranmarschiert waren, links zwo, drei, vier! Der Fortschritt war zum Sprint geworden, zum sisyphusschen Sprint, das Ziel unerreichbar, denn wir hatten vergessen, wie das Ziel eigentlich auszusehen hatte. Endlich war die Welt zusammengewachsen, one world, denn die Sprache war überall die gleiche: Man sprach in Komparativ und Superlativ. Wir fühlten, dass etwas nicht stimmte, und doch wussten die meisten nicht, was genau es war, und schoben ihr Unwohlsein auf Lebensmittel-Unverträglichkeiten oder Fremde oder Politiker.

Hätten wir nur schon früher auf die Warnsignale gehört, die sich Sehenswilligen offenbarten. Hätten wir doch nur früher schon die Möglichkeiten zum Positiven genutzt, die uns durch die Technik gegeben waren. Hätten wir doch nur…

Vergangenheit und Geschichte

Vergangenheit sind die vielen Gegenwarten, die nicht mehr sind. Vergangenheit ist jeder Augenblick des Jetzt, das nicht mehr ist. Jeder Schritt, den du vorwärts gehst, lässt sich nie mehr wiederholen. Es ist wie der Fluss, in den du nie zweimal steigst, denn das Wasser ist nicht mehr dasselbe.

Geschichte ist, wenn du die vergangenen Schritte rekonstruierst, die Wege, die du gegangen bist. Um dies zu tun, musst du daran denken, wohin du in jenem Augenblick unterwegs warst, oder aus welchem Grund du diese Schritte getan hast. Ziel und oder Grund. Das ist Geschichte. Dass du dabei Details weglassen musst oder vielleicht auch im Nachhinein Schritten Bedeutung zumisst, die du im Augenblick des Gehens nicht bedachtest, macht Geschichte aus. Deine Geschichte. Oder die Geschichte von jemandem, der dir erzählt, wohin er gegangen ist.

Willst du ergründen, wohin jemand gegangen ist, der dir nichts mehr erzählen kann, weil er nicht mehr auf Erden verweilt, so musst du den Hinweisen nachgehen, die er ob seiner Wege hinterlassen hat. Vielleicht hat er über besondere, eindrückliche Schritte Notizen geschrieben, vielleicht hat er Fotos oder Videos davon gemacht, um selbst nicht zu vergessen, welche Schritte er wann wohin getan hat. Das ist dann seine Geschichte, die du rekonstruierst anhand seiner Hinterlassenschaften.

Haben viele Menschen zur selben Zeit die gleichen oder ähnliche Schritte getan oder Wege beschritten, vielleicht sogar aufgrund des Befehls eines in der Rangfolge über ihnen stehenden Menschen, oder es geschieht etwas und ist geschehen, was die Schritte vieler Menschen in die gleiche Richtung bewegen lässt und ließ, so ist dies die Geschichte von vielen. Die Notizen, die diese oder nur einige dieser über ihre Schritte und Wege hinterlassen, können als Orientierung, als Wanderkarte für die Menschen dienen, die nach ihnen kommen. Anhand dieser können sie nachlesen, ob das Ziel die Wanderung wert ist, wenn ja, welche Straßen sie meiden sollten und welche besonders empfehlenswert sind. Daraus folgt, dass kein Weg, keine Straße, kein Schritt zwei Mal gleich gegangen werden kann: Immer sind entweder die Bedingungen anders, der Mensch ist ein anderer, außen oder innen können sich niemals selben. Doch es lässt sich aus jedem gegangenen Schritt lernen, der jemals auf die Erde gesetzt wurde, denn zum Lernen – oder, mit Platon, zum Erinnern – sind wir da.

Zu Besuch

Langsam nähere ich mich diesem wunderschönen, blauen Planeten, nur selten habe ich etwas Vergleichbares gesehen. Vorsichtshalber lege ich die Tarnhaut um, wer weiß, wie die Bewohner des Planeten sonst auf mich, den Reisenden aus dem Weltall, reagieren. Ich lande inmitten einer dieser Siedlungen, die nichts Lebendiges an sich haben und nur aus Mauern bestehen, unterbrochen von eckigen, durchsichtigen Augen, durch die man in die Bauten hinein- und vermutlich auch hinausschauen kann. Das einzig Lebendige in den Straßen sind die Lebewesen auf zwei Beinen. Eines davon mit längeren Haaren strebt sehr schnell, ohne auf ihre Außenwelt zu achten, einem Ziel zu, das nur es selbst zu kennen scheint. In einer kleinen Gruppe schlendern Miniaturen dieses ersten Lebewesens die Mauern entlang, ihre Mundwinkel nach oben ziehend, Laute von sich gebend, während sie gleichzeitig auf kleine Tafeln in ihren Händen schauen und mit den Daumen darauf tippen oder von unten nach oben und von oben nach unten wischen. Ein merkwürdiger Ort. Fast werde ich von einem der Lebewesen, das von einem vierbeinigen, felligen und hechelnden Etwas an der Leine gezogen wird, in die Mitte dieses Wegs geschubst, wo mich ebenso knapp ein Gefährt auf vier Reifen überfährt, welches hinten ekelhaft stinkende Gase von sich gibt. Ein furchtbarer Ort. Eine Tatsache ist jedoch interessant, denn diese Wesen scheinen sich wie wir auf unserem Planeten von Elektronen zu ernähren. Die ganze Welt ist überzogen von diesen Wellen, sie schicken sie bis ins Weltall und wieder zurück, sie gehen von den kleinen und großen Tafeln aus und wieder zurück, es ist überzogen mit diesem Netz aus Elektronen. Anders als bei uns jedoch scheinen diese Signale mitzusenden: Es muss sich um deren Kommunikation handeln, die gleichzeitig zum Essen dient. Ich bediene mich ausreichend, speise mal von jener Welle, dann von der anderen, und nehme gleichzeitig all die Zeichen auf, die mitgesendet werden. Nach einer halben Stunde schon bin ich so satt wie selten – wenigstens verhungere ich hier nicht. Übervoll von fremden Sprachen, die so seltsam wie schön sind, und von denen Liebe, Hass, Traurigkeit, Wut, Einsamkeit ausgehen, all das wirkt in meinem Magen nach. Mir wird übel. Es ist das Paradies für Schleckermäuler, ich sollte eine Empfehlung schreiben.

Um mich abzulenken, beobachte ich eines dieser Lebewesen genauer. Es ist dunkel, die meisten von ihnen ziehen sich in ihre selbstgebauten Höhlen zurück. Sie setzen sich vor eine größere Tafel, die an der Wand hängt, und auf der bunte Bilder schnell nacheinander abfolgen. Gleichzeitig sehen sie auf ihre kleinen Tafeln in ihren Händen, ihr Blick wirkt ausdruckslos, leer. Irgendwann gehen sie in einen Nebenraum, wo sie sich für die nächsten Stunden flach hinlegen, die Augen geschlossen, die Körperfunktionen heruntergefahren. Ich nutze diese Zeit, um mich selbst wieder etwas aufzuladen, und stecke meinen Finger in eines dieser Löcher, aus denen lebenserhaltender Saft strömt. Mein Interesse ist groß für diese Tafeln, die anscheinend lebenswichtig für die Wesen dieses Planeten sind. Ich verbinde mich mit dem des von mir beobachteten Wesens.

Und plötzlich tut sich eine neue Welt auf. Auch, wenn ich von deren Sprachen nichts verstehe, verstehe ich doch, dass sie hier ihren Planeten abgebildet haben, in all seinen Facetten, (Un-)Tiefen, Farben, seiner Vielfalt, seinem Reichtum und seiner Armut. Alle Sprachen, die ich auf dem Planeten von den Lebendigen gehört habe, werden hier zu einer systematischen Reihenfolge – es muss deren Universalsprache sein – mit der sie alles kommunizieren, ob Töne, bewegte und unbewegte Bilder, Zeichen. Alles wird zu zwei kleinen Zeichen, 0 und 1, alles wird eins. Was für ein seltsamer Ort. Sie haben den Planeten in seiner Vielfalt in dem kleinen, künstlichen Rechteck, einem Fenster zur großen, weiten Welt, während sie gleichzeitig in ihren kleinen Höhlen langsam vereinsamen.

Manchmal gesellt sich noch ein weiteres Lebewesen dazu, unter Schreien und augenscheinlichen Schmerzen reproduzieren sie sich, und nach einigen Monaten werden in noch schmerzhafterem Prozess Miniaturlebewesen aus dem Unterleib gepresst – ihr Dasein beginnt mit Schmerz und Blut.